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Heuschnupfen

Endlich wieder Frühling - nach der langen kalten Jahreszeit atmen die meisten Menschen wieder auf. Aber für über zwölf  Millionen Menschen in Deutschland verursacht das tiefe Durchatmen ernsthafte Probleme. Sie leiden unter einer Pollenallergie, im Volksmund „Heuschnupfen“ genannt. 

Wie entsteht Heuschnupfen?

Durch die Atmung und die Nahrung gelangen ständig natürlich vorkommende Eiweißstoffe in unseren Körper. Normalerweise werden sie sofort von Fresszellen (Makrophagen) aufgenommen und in ihre Einzelteile zerlegt. So genannte TH2-Zellen (Lymphozyten) sind die körpereigene Fabrik für unsere Antikörper und sie bilden über B-Zellen das Immunglobulin G, kurz IgG. Das Immunsystem eines Allergikers reagiert aber überempfindlich gegen bestimmte Eiweißstoffe des Blütensamens. Diese Eiweiße werden von Ärzten als Allergene, also Allergie auslösenden Stoffe bezeichnet. Beim Erstkontakt mit so einem Allergen wird das Immunsystem zunächst „sensibilisiert“, d.h. es entwickelt ein verändertes Reaktionsmuster gegenüber dem Allergen. Von nun an kann das Immunsystem nicht mehr zwischen harmlosen und gefährlichen Eiweißen unterscheiden. Die sogenannten B-Zellen produzieren einen Antikörpern: Das Immunglobulin E (IgE). Das IgE besitzt die Fähigkeit, sich an die Mastzellen (das sind ebenfalls Immunzellen) zu binden. Trifft dieser IgE-Mastzellen-Komplex erneut auf ein Allergen, fühlt sich die Mastzelle veranlasst, sofort entzündungsfördernde Stoffen zu bilden. Es entstehen Histamine, Leukotriene, Prostaglandine und andere Vermittlerstoffe. Das sind die Stoffe, die die allergische Reaktionen wie Fließschnupfen, tränende Augen, Hautausschlag und Atembeschwerden bis hin zur Atemnot auslösen.

Solche allergischen Reaktionen werden als Typ-I-Reaktion klassifiziert. Sie verursachen innerhalb einer Stunde die Symptome. Studien haben gezeigt, dass Typ-I-Reaktionen familiär gehäuft auftreten, sie also genetisch weitergegeben werden: Die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu entwickeln, liegt für Kinder, bei denen beide Elternteile Allergiker sind, bei 50 Prozent. Ist nur ein Elternteil Allergiker, beträgt die Wahrscheinlichkeit immerhin noch 30 Prozent.

Bei ersten Reaktionen sofort handeln

Sobald erste Heuschnupfen-Symptome auftreten, sollte der Betroffene unverzüglich zum Arzt gehen. Denn nur durch adäquate Therapie lassen sich die Symptome lindern und ein so genannte „Etagenwechsel“ vermeiden. Von Etagenwechsel sprechen die Experten, wenn sich die Allergie auf die unteren Atemwege ausbreitet und ein allergisches Asthma entsteht. Das ist bei fast einem Drittel aller Heuschnupfenpatienten der Fall.
Die Basistherapie bei Heuschnupfen ist zunächst nur eine symptomatische Behandlung mit entzündungslindernden Medikamenten wie Anti-Histaminen und Kortison.
 
Dem Allergen auf der Spur

Suchen, suchen, suchen - das ist der Beginn einer erfolgreichen Allergiebehandlung. Zuerst werden Krankheitsgeschichte, Lebensumstände, Ernährungsgewohnheiten durch Befragen erfasst. Auch eine Allergie-Tagebuch kann helfen. Daraus ist zu ersehen, wann die Symptome auftreten. Und dann gibt es eine Reihe von Tests, mit denen das Allergen ermittelt werden kann.

1. Prick-Test: Auf den Unterarm werden die verschiedenen Allergenlösungen Tropfen für Tropfen aufgetragen und mit einer kleinen Lanzette (eine kleine Nadel) unter die Haut gestochen. Ist der Patient allergisch, zeigen sich nach etwa 20 Minuten Rötungen, Pusteln, Quaddeln oder Jucken. Der Prick-Test ist das Standardverfahren, um Soforttyp-Allergien nachzuweisen. Bei besonders empfindlichen Patienten reicht es sogar, die Lösung nur auf die Haut zu reiben.

2. Intrakutantest: Er verläuft ähnlich wie der Pricktest, ist aber empfindlicher. Er wird meist benutzt, um so genannte schwache Allergene nachzuweisen. Dazu gehören etwa Hausmilbenstaub oder Schimmelpilzsporen. Mit einer Nadel werden die Allergenextrakte direkt unter die Haut am Rücken gespritzt, bis sich ein bis zwei Millimeter große Bläschen bilden. Ist der Patient allergisch, zeigen sich hier nach spätestens 30 Minuten Hautreaktionen. Leider ist die Prozedur mitunter schmerzhaft und wird deshalb bei Kindern nur in Ausnahmefällen durchgeführt. Auch die Gefahr eines allergischen Schocks ist etwas höher. Deshalb wird der Test nur unter strenger ärztlicher Kontrolle durchgeführt. Der Test gilt als 10000-mal empfindlicher als der Prick-Test. Er liefert aber auch mehr falsch-positive Ergebnisse.

3. Epikutantest: Auch mit dem Pflaster geht man auf Spurensuche. Der so genannte Epikutantest spürt so genannte Spättyp-Allergien auf. Der Betroffene bekommt Pflaster mit allergenhaltigen Kissen auf den Rücken geklebt. Bei bestehender Empfindlichkeit zeigen sich nach 24, 48 und 72 Stunden Hautreaktionen.

4. Scratch-Test: Er funktioniert ähnlich wie der Prick-Test, nur dass die Haut unter dem Allergentropfen angeritzt wird. Der Test liefert aber nicht so eindeutige Ergebnisse und wird kaum noch verwendet.

5. RAST–Test (Radio-Allergo-Sorbens-Test): Schon ein Tropfen Blut gibt Hinweis darauf, wie viele spezifische, allergieauslösende Antikörper (Immunglobulin-E) vorhanden sind. Mit dem Test lassen sich Soforttyp-Allergien sehr früh erkennen.

Therapie der Wahl: Desensibilisierung

Das Immunsystem muss erst wieder trainiert werden, damit es normal reagiert. Diese Therapie heißt Hypo- oder Desensibilisierung bzw. Spezifische Immuntherapie oder auch Allergieimpfung. Damit sollen die Typ-I-Reaktion, zu denen auch der Heuschnupfen gehört, beeinflusst werden. Bei Pollen- und Insektengiftallergien hat eine Hyposensibilisierung häufig Erfolg, bei einem atopischen Ekzem (Neurodermitits) dagegen selten. Folgende Desensibilisierungsformen gibt es:

Spezifischen Immuntherapie per Spritze (Subcutane Immuntherapie, SCIT): Dabei wird dem Patienten in der pollenfreien Saison das Allergen in ansteigenden Dosen unter die Haut gespritzt. So soll das Immunsystem langsam und kontrolliert angeregt werden, nicht die Allergie auslösenden IgE-Antikörper, sondern Antikörper der Klasse IgG zu bilden. Die Lösungen enthalten meist das Allergen in einer verdünnten Lösung. Leidet der Betroffene an verschiedenen Allergien, wird für ihn eine individuelle Mischung angefertigt. Diese Art ist sehr zeitaufwändig für den Patienten, denn er muss für jede Injektion in die Praxis oder Klinik. Außerdem wird er nach Gabe noch etwa 30 Minuten genau beobachtet - auf die Gefahr, dass sein Immunsystem mit einem Schock auf die Gabe der Allergene reagiert.

Die Langzeit-Immuntherapie gilt als die effektivste Form der spezifischen Immuntherapie: Während einer Aufbauphase erhält der Allergie-Patient in der pollenfreien Zeit meist einmal die Woche eine Injektion unter die Haut - und das über etwa vier Monate. Die Dosis der Allergene wird nach und nach gesteigert. In der anschließenden Fortsetzungsphase bekommt der Allergiker seine Injektionen dann nur noch im Abstand von sechs bis acht Wochen. Die Behandlung sollte über drei (teilweise fünf) Jahre fortgeführt werden. 80 Prozent der Pollenallergiker werden heute erfolgreich damit behandelt.

Die Kurzzeit-Immuntherapie ist eine Alternative für Pollenallergiker. Dabei bekommt der Allergiker vor Beginn des Pollenflugs innerhalb von etwa sechs bis sieben Wochen sieben Injektionen. Teilweise bieten Kliniken extreme Kurzzeitschemata (Aufsättigung in einem Tag oder vier Spritzen in vier Wochen vor Saison an). Das für den Patienten am wenigsten aufwändige Verfahren ist dabei die Clusterimmuntherapie. Hier wird innerhalb von zwei bis vier Tagen die komplette Einleitungsphase gemacht. Eine Erhaltungsdosis ist danach alle vier bis acht Wochen notwendig. Erste Untersuchungen zeigen hier gute Ergebnisse.

Eine weitere Möglichkeit der Desensibilisierung ist die ist die so genannte Sublinguale Spezifische Immuntherapie (SLIT): Der Allergiker bekommt keine Spritze, sondern nimmt das Allergen in einer Lösung ein. Die Patienten träufeln sich nach einem bestimmten Behandlungsschema einige Tropfen der Allergenlösung unter die Zunge. Die Behandlung erfolgt nur am Anfang der Therapie unter ärztlicher Überwachung und kann dann vom Patienten allein weiter geführt werden. In einer ein- bis zweiwöchigen „Induktionsphase“ wird das Allergen in der Dosierung gesteigert.

In der anschließenden Erhaltungsphase müssen die Tropfen regelmäßig eingenommen werden. Die Therapie beginnt in der Regel vor der Saison. Nach drei Jahren Behandlung soll sich der Körper dann an die Allergene gewöhnt haben. Schwere Nebenwirkungen sind noch nicht aufgetreten, nur Schwellungen oder Juckreiz im Mund haben Patienten bisher beklagt. Allerdings wird die Therapie noch nicht für alle Patienten - besonders Kinder empfohlen - denn diese Art der Behandlung ist noch nicht ausreichend erprobt. Es liegen nicht für alle Allergene Erfahrungen und – im Gegensatz zur Spritzentherapie – noch keine Langzeiterfahrungen vor. Es gibt bisher nur wenige Studien zu dieser Behandlung und das genaue Wirkprinzip ist noch nicht bekannt.

Und die Forschung macht weiter - neue Therapieansätze

Als Hoffnung für Polyallergiker (auf viele Allergene reagierende Menschen) und Asthmatiker zählt die Behandlung mit dem so genannten monoklonalen Antikörper E25. Unter die Haut gespritzt spürt er freies Gesamt – Immunglobulin-E auf und bindet es. Damit ist es für das Immunglobulin E unmöglich, sich an die Mastzellen zu binden. Wird der Körper dem Allergen ausgesetzt, wird dieses nicht als „Feind“ erkannt und eine allergische Reaktion bleibt aus. Zugelassen wurde der Wirkstoff in Medikamenten Ende 2005 zur Behandlung von mittelschwerem bis schwerem Asthma Bronchiale. Da der Wirkstoff selbst starke allergische Reaktionen auslösen kann, muß die Behandlung ärztlich überwacht werden. Der Einsatz des Mittels wird weiterhin beforscht, da noch keine Langzeiterfahrungen vorliegen.

Zu verhindern, dass überhaupt eine Allergie entsteht, ist ein weiterer Plan: So soll Säuglingen im zweiten bis sechsten Lebensmonat Lösungen mit Bakterienbestandteilen unter die Zunge geträufelt werden. Dieser Forschungsrichtung liegt die Beobachtung zugrunde, dass das Immunsystem von Kindern, die in sterilen, westlichen Lebensbedingungen aufwachsen, nicht genug „trainiert“ wird und sie deshalb anfälliger für Allergien sind. Dazu laufen zurzeit verschiedene Studien, abschließende Ergebnisse stehen aber noch aus. Experten halten diesen Ansatz für „sehr viel versprechend“.

Stand 2009
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