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Klassische Naturheilverfahren
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Hintergründe
Naturheilverfahren liegen im Trend. Laut Umfragen nutzten über 70 Prozent aller
Deutschen alternative Heilverfahren. Nur 18 Prozent vertrauen der Schulmedizin
allein. Insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen suchen in ihnen eine
Erweiterung ihrer Therapiemöglichkeiten. Aber auch zur Vorbeugung und
Selbstbehandlung leichter Gesundheitsstörungen sind Heilmethoden jenseits der
konventionellen Medizin immer stärker gefragt. Die Gründe dafür sind
vielschichtig: Den einen kann die Schulmedizin nicht helfen, andere wiederum
fühlen sich durch ihren Arzt unverstanden oder abgefertigt. Sie suchen daher
nach individuelleren, ganzheitlichen Behandlungsansätzen. Und auch der Wunsch
nach einer nebenwirkungsarmen Medizin spielt für die Beliebtheit
naturheilkundlicher Methoden eine große Rolle.
Angesichts
immer neuer Therapieformen ist es für die Patienten jedoch schwierig, sich im
Dschungel der alternativen Heilmethoden zurechtzufinden. Welche Therapie hilft
wirklich, wo ist das eigene Geld gut investiert (denn nur die wenigsten
Alternativmethoden sind Kassenleistung), und welche Methoden sind gar
gefährlich? Das Buch „Die Andere Medizin“ der Stiftung Warentest hat 58
naturheilkundliche Diagnose- und Therapiemethoden bewertet, mit erschreckendem
Ergebnis: Zwei Drittel der getesteten Verfahren hatte keine nachweislichen
Wirkungen, wiesen Risiken auf oder wurden als untauglich eingestuft. Ist die
Naturheilkunde aber wirklich so schlecht?
Wissenschaftlichkeit von Naturheilverfahren
Wie die
Schulmedizin basieren Naturheilverfahren zunächst einmal auf Erfahrungen, die im
Laufe ihrer Anwendung mit ihnen gesammelt wurden. Das Wissen um die Heilkraft
von Pflanzen geht beispielsweise auf Jahrtausende alte Erfahrungswerte zurück.
Ein
Wirksamkeitsnachweis nach anerkannten Prinzipien steht für viele Heilkräuter und
Naturheilverfahren allerdings noch aus. Im Sinne der Schulmedizin gilt ihre
therapeutische Wirksamkeit nämlich erst als bewiesen, wenn sie durch
randomisierte, kontrollierte klinische Studien nachgewiesen wird. Doch die
wissenschaftliche Erforschung naturheilkundlicher Verfahren ist teuer und steckt
in Deutschland trotz aller Beliebtheit noch in den Kinderschuhen. Fehlende
Studien machen eine verlässliche Beurteilung alternativer Heilmethoden daher oft
schwierig. Allerdings: Unterschätzt werden sollte die Erfahrungsmedizin nicht.
Denn nichtexistente Studien sind letztendlich kein Beweis, dass eine
Therapieform nicht wirkt. Problematisch ist in diesem Zusammenhang jedoch die
große Szene von Außenseiter-Methoden, die oft mit seriösen Naturheilverfahren
assoziiert werden, in Wirklichkeit aber nichts mit ihnen zu tun haben.
Patienten, die sich für eine alternative Behandlungsmethode interessieren,
sollten daher im Zweifelsfall ihre Krankenkasse um Rat fragen, wie seriös ein
Verfahren wirklich ist.
Klassische
Naturheilverfahren – Alt und zumeist bewährt
Die
Bezeichnung „Naturheilverfahren“ ist ein Oberbegriff für unterschiedlichste
Therapien und Konzepte, die mit möglichst sanften, natürlichen Mitteln die
körpereigenen Heilkräfte anregen sollen. Eine besondere Stellung nehmen hier die
so genannten klassischen Naturheilverfahren ein. Dabei handelt es sich – wie der
Name andeutet - um Verfahren, die in unserem Kulturkreis eine lange Tradition
haben. Ihre Geschichte lässt sich teilweise bis in die griechische Antike
zurückverfolgen. Im deutschsprachigen Raum hat sich vor allem Sebastian Kneipp
um ihre Verankerung in der Bevölkerung verdient gemacht.
Viele der
klassischen Heilverfahren haben sich als wirksam bewährt, einige von ihnen
werden auch im Rahmen der Schulmedizin angewendet. Eindeutig durch Studien
belegt sind aber auch sie nicht immer. Zu den so genannten „fünf Säulen“ der
klassischen Naturheilverfahren gehören die Phytotherapie (pflanzliche
Arzneimittel), Hydrotherapie (Wasseranwendungen), Bewegungstherapie,
Ernährungstherapie und die Ordnungstherapie (gesunde Lebensführung). Aber auch
Fasten, ausleitende Verfahren wie Schröpfen sowie viele Massage- oder
Entspannungstechniken zählen zu den klassischen Heilmethoden. Hier eine kleine
Auswahl:
Kneipp-Therapie
Die
Wurzeln dieses Naturheilverfahrens gehen auf den bayerischen Priester Sebastian
Kneipp (1821 - 1897) zurück, der als Student an Tuberkulose erkrankte und sich
durch seine Kur selbst heilte. Die Kneipp-Kur wird heutzutage häufig mit einer
Wasserkur gleichgesetzt. Tatsächlich entwickelte Kneipp jedoch ein
ganzheitliches Therapiekonzept, das nahezu alle Grundlagen der Naturheilkunde
umfasst. Neben dem systematischen Einsatz von Wärme und Kälte, Licht, Luft und
Wasser, Bewegung, Entspannung und einer natürlichen Ernährung spielt auch eine
strenge Lebensordnung eine besondere Rolle. Die Methoden können je nach
Beschwerden ausgewählt und kombiniert werden. Angewendet wird die Kneipp-Kur in
vielen Bereichen, z.B. zur allgemeinen Gesunderhaltung und Abhärtung sowie auch
zur Genesung nach Krankheiten. Empfohlen wird sie etwa bei Herz-Kreislauf- und
Gefäßerkrankungen, bei vegetativ-nervalen Funktionsstörungen, bei chronischen
Leiden und Verdauungsproblemen.
Die fünf
Säulen der Kneipp-Therapie
Hydrotherapie:
Die Kneippsche Hydrotherapie ist in ihren Wirkungen großteils erforscht. Sie
umfasst verschiedene Wasseranwendungen wie Güsse, Voll- und Teilbäder, Wickel,
Auflagen und Packungen, aber auch Aktivitäten wie Taulaufen oder Wassertreten.
Die Anwendungen werden kalt, warm oder im Wechsel verabreicht. Das Kneippsche
Prinzip dahinter: Mit kleinsten Reizen die größtmöglichen Effekte erzielen. Im
Vordergrund steht meist der thermische Reiz. Dieser löst über verschiedene
Ebenen des vegetativen Nervensystems Reflexvorgänge aus. Der wichtigste Effekt
erfolgt im Bereich des Gefäßsystems im Sinne eines Gefäßtrainings. Darüber
hinaus wird durch Reize auf der Haut die Hormonproduktion angeregt und das
Immunsystem stimuliert. Durch eine vermehrte Ausschüttung von Adrenalin wird das
vegetative Nervensystem belebt. Kreislauf, Herztätigkeit und Stoffwechsel werden
angeregt, Schmerzempfindlichkeiten reguliert.
Phytotherapie:
Pflanzliche Heilmittel werden nach Kneipp nicht nur im klassischen Sinn – als
Tee, Saft, oder Salbe - verordnet, sondern auch in Form von Heusackpackungen,
Bädern oder Inhalationen. Sie sollen den Effekt der Wasseranwendungen
unterstützen.
Bewegungstherapie:
Wie wichtig Bewegung für die Gesundheit ist, hatte auch Kneipp schon erkannt.
Sie regt Stoffwechsel und Durchblutung an, stärkt Herz, Knochen und Muskeln,
macht die Gelenke beweglicher und baut Stress ab. Allerdings sollte das Training
regelmäßig erfolgen. Zu Kneipp-Kuren gehören heute mehrstündige tägliche
Spaziergänge an der frischen Luft, aber auch Radfahren, Schwimmen, Joggen und
Gymnastik.
Ernährungstherapie:
Die Ernährungstherapie nach Kneipp beruht auf einer natürlichen, vollwertigen
Kost mit viel Gemüse, Obst, Getreide- und Milchprodukten. Damit wirkt sie
falschen Ernährungsgewohnheiten unserer heutigen Welt -zu viel, zu fett, zu süß,
zu salzig- entgegen. Der Stoffwechsel wird entlastet, Patienten mit anlage- oder
ernährungsbedingten Krankheiten wie Gicht, Diabetes oder Übergewicht kann
geholfen werden.
Ordnungstherapie:
Die Kneippsche Ordnungstherapie fordert dazu auf, mehr auf die „innere Uhr“ zu
hören und zu einer ausgewogeneren, gesünderen Lebensführung zu finden. Im Sinne
der Psychohygiene wird auch eine Überprüfung und Neubestimmung des eigenen
Standpunkts zu existentiellen Fragen angestrebt. Ergänzend werden heute vielfach
auch Entspannungsübungen wie Autogenes Training, Yoga oder Atemtherapie
angeboten.
Ausleitende Verfahren
Zu den
ältesten Therapien schlechthin gehören die ausleitenden Verfahren. Darunter
werden Methoden verstanden, die über die Haut oder andere Organe schädliche
Stoffe nach außen leiten. Denn nach altertümlichen Vorstellungen beruhten
Krankheiten auf einer falschen Zusammensetzung der Körpersäfte. Schon
Hippokrates ging davon aus, dass ein kranker Körper von den „üblen Säften“
gereinigt werden muss, um geheilt zu werden. Das klassische blutentziehende
Verfahren war der Aderlass, der früher oft übertrieben wurde und daher in Verruf
und Vergessenheit geraten ist. Ausleitende Verfahren wie das Schröpfen oder eine
Blutegel-Therapie besitzen aber auch heute noch ihre Anhänger.
Schröpfen:
Bei diesem Verfahren werden halboffene Glaskugeln, so genannte Schröpfköpfe,
erhitzt und auf die Haut gesetzt. Die Haut wird in die Kugeln gesaugt und es
entsteht ein Unterdruck, der wie eine Bindegewebsmassage wirkt. Blut- und
Lymphfluss werden angeregt und die Durchblutung der Muskeln gefördert. Etwa zehn
bis 15 Minuten verbleiben die Schröpfköpfe auf der Haut. Dabei können sich
Blutergüsse bilden, die bis zu einer Woche sichtbar bleiben. Eine Abwandlung
dieses unblutigen Schröpfens ist die Schröpfkopfmassage, zumeist am Rücken.
Dabei bewegt der Therapeut die Saugglocken auf der eingeölten Haut hin und her.
Die erhöhte Durchblutung wirkt krampflösend bei muskulären Verspannungen.
Darüber hinaus wird vermutet, dass bestimmte Hautareale auch Nervenverbindungen
zu inneren Organen wie Lunge, Magen oder Nieren besitzen. Durch das Schröpfen
dieser Hautareale sollen sie stimuliert werden. Kontrollierte medizinische
Studien zur Wirksamkeit des Schröpfens gibt es allerdings nicht, trotz aller
Bewährung dieser Jahrtausendealten Tradition. Zum Einsatz kommt Schröpfen vor
allem bei Rücken- oder Schulterschmerzen, Rheuma, Migräne, Spannungskopfschmerz,
Verdauungsstörungen und einigen gynäkologischen Beschwerden. Menschen mit
Nierenschwäche, Blutungsneigung sowie Gerinnungs- oder Wundheilungsstörungen
sollten nicht geschröpft werden. Auch bei stark entzündlichen Prozessen und
Hautverletzungen darf nicht geschröpft werden.
Blutegeltherapie:
Ein weiteres uraltes Ausleitungsverfahren ist die Blutegeltherapie. Je nach
Krankheitsbild werden dabei Blutegel der Gattung Hirudo medicinalis officinalis
an verschiedenen Hautstellen angesetzt. Durch das Saugen der Tiere entsteht ein
Blutverlust und eine Nachblutung, von denen man früher glaubte, dass sie die
Verunreinigungen und Gifte der „üblen Säfte“ ableiten würden. Heute weiß man,
dass der therapeutische Effekt nicht nur durch den Blutverlust und den Hautreiz,
sondern auch durch Sekrete ausgelöst wird, die der Blutegel in die Wunde lässt.
Dazu zählt vor allem das gerinnungshemmende Hirudin. Der Blutegelspeichel
enthält außerdem eine histaminähnliche Substanz, die gefäßerweiternd wirkt sowie
weitere Stoffe mit entkrampfenden und entzündungshemmenden Eigenschaften.
Die Liste
der Anwendungsgebiete ist dementsprechend lang. Eingesetzt wird der Blutegel
etwa bei venösen Erkrankungen, Entzündungen und Rheuma aller Art. Die
Wirksamkeit der Blutegeltherapie wird heutzutage weitgehend anerkannt Für die
Behandlung von Arthrosen liegen positive Studien vor und die kleinen Vampire
finden vereinzelt auch in der Schulmedizin Verwendung. In der plastischen
Chirurgie helfen sie, die Wundheilung zu fördern. Auch in einigen Rheumakliniken
und bei niedergelassenen Ärzten werden Blutegel bei einer Vielzahl von
Krankheiten eingesetzt. Das im Blutegelspeichel vorhandene Hirudin wird heute
zudem gentechnisch hergestellt und in der modernen Medizin zur Behandlung von
Venenerkrankungen eingesetzt.
Stand 2009
Unkonventionelle Naturheilverfahren
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