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Moderne – unkonventionelle - Naturheilverfahren
Neben den
klassischen Naturheilverfahren gibt es eine fast unüberschaubare Palette an
Methoden und Konzepten, die erst in neuerer Zeit entwickelt wurden. Diese
modernen Naturheilverfahren reichen über eigenständige Medizinsysteme wie
Homöopathie und Antrophosophie, Verfahren wie Eigenbluttherapie oder
Neuraltherapie bis hin zu esoterischen Außenseitermethoden. Dementsprechend ist
hier auch die Kluft zwischen plausiblen Heilansätzen und purem Hokuspokus groß.
Moderne Naturheilverfahren werden oft auch als unkonventionelle Methoden
bezeichnet - unkonventionell deswegen, weil sie nicht wissenschaftlich anerkannt
sind oder mit unbestreitbaren Naturgesetzen beziehungsweise akzeptierten
medizinischen Erkenntnissen in Konflikt geraten. Hier einige Beispiele:
Eigenbluttherapie
Die
Eigenbluttherapie ist eine Reiz- bzw. Umstimmungstherapie, die unter den
Naturheilkundlern viele Befürworter findet. Zur Behandlung wird den Patienten
Blut aus einer Vene, meist aus der Ellenbeuge, abgezapft. Dieses Blut wird
anschließend je nach Methode unbehandelt oder mit medikamentösen Zusätzen
versehen zurück unter die Haut oder in die Muskulatur gespritzt. Die Injektionen
erfolgen je nach Behandlungsschwerpunkt ein- bis dreimal wöchentlich über einen
Zeitraum von sechs bis acht Wochen. Dadurch soll eine Stimulierung des
Immunsystems erzeugt werden. Der Behandlung liegt die Idee zugrunde, dass
körpereigene Stoffe den Organismus zu einer verstärkten Abwehrreaktion anregen
können. Es entsteht eine Entzündungsreaktion, die Körpertemperatur steigt und
der Stoffwechsel, das Immunsystem und das vegetative System sollen günstig
beeinflusst werden. Unter Umständen kann daher auch eine so genannte
Erstverschlimmerung ausgelöst werden, mit Fieber, Müdigkeit und allgemeinem
Krankheitsgefühl. Dies gilt als Erfolgszeichen, dass der Körper seine Kräfte
mobilisiert.
Die
Eigenbluttherapie wurde in den siebziger Jahren entwickelt und wird heute in
vielen Bereichen eingesetzt, etwa bei allgemeiner Immunschwäche, bakteriellen
und viralen Infekten, häufig auch zur Behandlung von Allergien und atopischen
Erkrankungen. Dass diese Blutkur tatsächlich wirkt, konnte bislang
wissenschaftlich nicht hinreichend bestätigt werden. Insgesamt mangelt es an
hochwertigen klinischen Studien. Wissenschaftler der Universität Exsetter fanden
allerdings Hinweise dafür, dass die Kur bei Neurodermitis helfen kann. Auch für
die Stimulation des Abwehrsystems gibt es erste Hinweise einer Wirksamkeit. Für
andere Anwendungsbereiche ist die Wirksamkeit der Eigenbluttherapie bislang
nicht belegt.
Neuraltherapie nach Huneke
Die
Neuraltherapie nach Huneke ist ein diagnostisches und therapeutisches Verfahren,
das über das vegetative Nervensystem wirkt und gestörte Regelsysteme wieder in
ein Gleichgewicht bringen will. Mittels Injektion eines Lokalanästhetikums (Procain)
sollen so genannte Störfelder des menschlichen Körpers ausgeschaltet werden.
Entweder wird das Mittel direkt in die schmerzende Stelle gespritzt oder an die
Nerven, die das gestörte Segment versorgen. Das Lokalanästhetikum kann aber auch
in eine Stelle injiziert werden, die mit dem Schmerzherd scheinbar gar nichts zu
tun hat. Denn die Neuraltherapie geht davon aus, dass krankhafte Prozesse oder
Verletzungen in einem Organ störende Einflüsse auf andere Organe haben. Der
Körper kann diese Störfelder eine Zeit lang ausbalancieren. Bleiben sie jedoch
zu lange bestehen oder kommen weitere Faktoren hinzu (z.B. Infektionen), werden
sie aktiviert und es entsteht ein organisches Leiden. Eine weitere Theorie, die
Segmenttheorie, geht davon aus, dass es nervale Verbindungen zwischen den
Organen und der Haut gibt, dass also jeder Körperabschnitt einem bestimmten
Hautareal zugeordnet werden kann. Die Neuraltherapie greift gezielt in diese
regionalen und überregionalen Regelkreise ein. Durch die Injektion des
Lokalanästethikums werden die Blockaden im Kommunikationsfluss zwischen einem
Störfeld und dem erkrankten Organ gelöst, so dass die natürliche Heilung
aktiviert wird.
Die Kunst
des Therapeuten liegt darin, diese Störfelder aufzuspüren. Häufig sind mehrere
Behandlungen des Störfeldes notwendig, bis die erwünschte Wirkung eintritt.
Einige Patienten erleben allerdings auch, was Huneke das "Sekundenphänomen"
nannte: Die Schmerzen verschwinden unmittelbar nach Wirkungseintritt des
Procains. Die Injektion selbst ist schmerzarm. Allerdings kann es bei
Überempfindlichkeit des Patienten gegen das verwendete Lokalanästhetikum zu
allergischen Reaktionen kommen. Angewendet werden kann die Neuraltherapie bei
allen akuten, chronischen und degenerativen Erkrankungen. Hingegen bei
psychischen Erkrankungen, Mangelzuständen, Tumoren, Infektionserkrankungen oder
Erbkrankheiten ist sie kontraindiziert. Ein Risiko ergibt sich auch bei
Epilepsie, Herzproblemen, Blutgerinnungsgstörungen, Atemwegserkrankungen oder
allergischen Reaktionen, insbesondere auf die verwendeten Lokalanästhetika.
Daher ist im Zusammenhang mit der Neuraltherapie stets eine allgemeinärztliche
Abklärung notwendig.
Die Theorie
nach Huneke wird von vielen Schulmedizinern nicht anerkannt. Sie trauen der
Neuraltherapie bestenfalls zu, Muskelverspannungen lösen zu können. Auch von den
gesetzlichen Krankenkassen wird die Neuraltherapie nicht bezahlt.
Bachblütentherapie
Die
Bachblütentherapie geht auf den englischen Arzt und Homöopathen Edward Bach
(1886-1936) zurück. Für ihn war Krankheit an psychische Komponenten gebunden:
„das Ergebnis eines Konflikts zischen höherem Selbst und Persönlichkeit“. Er
unterschied 38 negative Seelenzustände – etwa Charakterschwächen wie Stolz,
Grausamkeit oder Hass -, die sich alle in spezifischen Beschwerden äußern.
Besserung soll durch die Einnahme von Blütenextrakten erfolgen. Sie enthalten
laut Bach die gebundene Energie der Blüten, welche seelische Ungleichgewichte
beheben und in der Folge auch körperliche Leiden heilen können. Bach war dabei
überzeugt, dass eine Heilung, egal bei welcher Krankheit, nur eine Frage der
richtigen Pflanze sei.
Bachs
Pflanzenauswahl erfolgte rein intuitiv und die Blütenmittel werden noch heute
nach einer vorgeschriebenen Prozedur gewonnen. Die Blüten bestimmter wild
wachsender Pflanzen müssen an einem sonnigen Morgen an den Standorten gesammelt
werden, an denen schon Bach die pflückte. Dann werden sie in eine Schale mit
Quellwasser gelegt und, sobald sie welken, wieder herausgeholt. Schließlich
werden sie mit gleichen Teilen Alkohol konserviert und noch einmal verdünnt und
in so genannte „stock bottles“ abgefüllt. Für die Therapie werden etwa ein bis
zwei Tropfen mit Wasser vermischt gegeben.
Die
Anwendungsgebiete der Bach-Tropfen reichen von psychischen Krisen bis hin zu
akuten und chronischen Krankheitsbildern. Eine Diagnose im herkömmlichen Sinn
kennt die Bachblütentherapie dabei nicht. Nach Meinung Bachs kann der erfahrene
Therapeut intuitiv den Gemüts- und Gesundheitszustand des Patienten erfassen.
Auf Basis von Gesprächen oder Fragebögen wird daher ein individuelles
Blütenmittel bestimmt.
Zur
Bachblütentherapie gibt es vier kontrollierte klinische Studien: zur
Unterstützung während der Geburt, zur Behandlung von Depressionen und zwei zur
Wirksamkeit der so genannten Rescue-Tropfen bei Examensangst. Zu den ersten
beiden Indikationen gab es positive Ergebnisse, wobei die Studien allerdings mit
Mängeln behaftet waren. Die Studien zur Behandlung von psychoemotionalem Stress
wie Examensangst konnten keine Wirksamkeit nachweisen. Analysen der Blütenmittel
konnten auch keine Wirkstoffe außer dem Alkohol feststellen. Ein direktes Risiko
ist mit der Einnahme der Bach-Blüten daher nicht verbunden.
Kritiker
warnen trotzdem vor der Bachblütentherapie. Denn dadurch, dass Krankheiten auf
Seelenzustände bzw. Charakterschwächen zurückgeführt werden, wird dem Kranken
suggeriert, an seinem Leiden selber Schuld zu sein. Das mag bei einigen
Krankheitsbildern durchaus stimmen, als Grundsatzaussage ist dieses Postulat
aber nicht haltbar. Die Bachblütentherapie setzt sich zudem hinsichtlich ihrer
Anwendungsgebiete keinerlei Grenzen. Das birgt die Gefahr, dass ernsthafte
Beschwerden zu spät schulmedizinisch behandelt werden. Die Überzeugung, dass es
keiner medizinischen Diagnose bedarf, vergrößert dieses Risiko zusätzlich.
Biochemie nach Schüßler – Schüßler-Salze
Die Biochemie nach dem homöopathischen Arzt Wilhelm Schüßler (1821-1898) führt
Erkrankungen im Wesentlichen auf einen gestörten Mineralhaushalt im Organismus
zurück. Zu Schüßlers Zeit erfuhr die Biochemie als Wissenschaft gerade einen
Boom. Mineralstoffe wurden als Pflanzendünger entdeckt. Denn man hatte erkannt,
dass Pflanzen, wenn ihnen nur ein Stoff fehlt, nicht gedeihen. Diese
Ausgangsüberlegung stellte Schüßler auch für den Menschen an. Für ihn hing
Gesundheit insbesondere vom Vorhandensein von zwölf Mineralsalzen ab. Zwar seien
diese in der Nahrung enthalten, doch würden sie im Körper oft nicht richtig
verteilt und verwertet werden. Ist der Mineralstoffhaushalt der einzelnen Zelle
jedoch gestört, hat das nach Schüßler negative Auswirkungen auf den gesamten
Organismus.
Schüßler
entwickelte daraufhin ein an die Homöopathie angelehntes, eigenes
Behandlungssystem. Er reduzierte sein Medikamentenrepertoire auf die zwölf für
ihn lebenswichtigen Mineralsalze, darunter etwa Kaliumphosphat, Kalziumfluorid
oder Natriumsulfat. Seine Nachfolger erweiterten diese Funktionsmittel später um
zwölf weitere. In homöopathischer Verdünnung gegeben, sollen sie die
Verwertungsblockaden im Körper lösen und den Mineralhaushalt der Zellen
ausgleichen. Die Bezeichnung Funktionsmittel hebt darauf ab, dass jedes von
ihnen bestimmte Organfunktionen beeinflussen soll.
Für die
Wahl des richtigen Salzes ist eine spezielle Diagnostik notwendig, mit der die
Konstitution des Patienten bestimmt wird. Diese beurteilt der Therapeut nach dem
Gesichtsausdruck und wird deshalb auch Antlitzdiagnostik genannt. Erkrankungen
gliederte Schüßler dabei nach drei Gruppen, die verschiedenen Stadien einer
Entzündung entsprechen.
Schüßler
beschränkte die Indikationsstellung für seine Salze seinerzeit kaum. Nach seiner
Meinung waren sie „zur Heilung aller durch innerliche Mittel heilbaren
Krankheiten“ geeignet. Heute sieht sich die Biochemie nach Schüßler vielmehr als
ergänzende Maßnahme zur konventionellen Behandlung, oft auch im Rahmen einer
Selbstbehandlung. Sie wird bei solchen Krankheiten angewendet, die durch
regulatorische Maßnahmen zu beeinflussen sind, z. B. bei einer Reihe von
Hautkrankheiten, Rheuma, Ischias, Knochen- und Zahnerkrankungen, Krämpfen aller
Art, Erschöpfungszuständen, Migräne, Schmerzen und vieles mehr. Die Wirksamkeit
der Schüßler-Salze ist nicht nachgewiesen. Allerdings ist das Risiko einer
Behandlung mit den Salzen gering. Menschen mit gestörter Nierenfunktion sollten
jedoch von einer Langzeitbhandlung absehen. Und wie für alle anderen
Naturheilverfahren gilt auch hier: Schwerwiegende Beschwerden und Erkrankungen
gehören in die Hand eines schulmedizinisch ausgebildeten Arztes.
Stand 2009
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