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Gesichtschirurgie
Spaltkinder: Früh operiert soll
Spätentwicklung vermeiden
Etwa 1.500
Neugeborene kommen in Deutschland jedes Jahr mit einer angeborenen
Entwicklungsstörung auf die Welt: Kinder mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte.
Sie entsteht während der ersten Wochen des embryonalen Wachstums. In dieser Zeit
formieren sich die Strukturen des zukünftigen Gesichtes. Lippen, Kiefer oder
Gaumen wachsen von zwei Seiten aufeinander zu und sollen sich normalerweise
miteinander verschließen. Diese Entwicklung kann aber unterbrochen werden. Je
nach Zeitpunkt der Störung ist die Ausprägung der verleibenden Öffnung bzw.
Spalte unterschiedlich: Sie betrifft z.B. nur die Lippe, nur das Gaumenzäpfchen
(zweigeteilt, Uvula bifida) oder nur den weichen Gaumen. Sie kann sich aber auch
durch Lippe, Gaumen und den gesamten Kiefer komplett durchziehen – die so
genannte Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte (Cheilognathopalatoschisis). Sie zählt zu
den häufigsten Fehlbildungen und tritt überwiegend linksseitig auf. Jungen sind
gegenüber Mädchen im Verhältnis 3:2 häufiger betroffen. Im Volkmund kennt man
hierfür die diskriminierende Bezeichnung „Hasenscharte“, während das
doppelseitige Auftreten der Spalte als „Wolfsrachen“ bezeichnet wird.
Wie kommt es zu Spaltbildungen?
Die genauen
Auslöser sind noch nicht bekannt. Vererbung spielt eine Rolle, denn etwa 15
Prozent der Spaltbildungen treten in Familien auf, in denen solche Störungen
bereits einmal vorkamen. Daher wird im Rahmen der pränatalen (vorgeburtlichen)
Diagnostik zwischen der 18. und 20.
Schwangerschaftswoche per Ultraschall auf eine Lippenspalte untersucht. Eine
Operation noch im Mutterleib, wie sie bei manchen Krankheitsbildern schon
praktiziert wird, ist bisher nicht möglich. Aber die Eltern sind darauf
vorbereitet und haben Zeit, sich früh genug zu informieren. Aber nicht nur die
Genetik (Vererbung) spielt vermutlich eine Rolle. Faktoren wie Sauerstoffmangel,
Nikotin, Alkohol, Mangel oder Überdosierung von Vitamin A und E können Auslöser
für die Störung der Gesichtsentwicklung des Embryos sein. Treten sie in der
fünften bis sechsten Schwangerschaftswoche auf, kommt es häufig zu einer Lippen-
bzw. Kieferspalte. Probleme in der 10. bis 12. Woche führen eher zu
Gaumenspalten. Inzwischen wurde nachgewiesen, dass Rauchen in der
Schwangerschaft das Risiko einer Fehlentwicklung des Kindes um das 1,5fache
erhöht.
Durch die
Spaltbildung entsteht eine offene Verbindung zwischen Mundraum und Nase. Für das
Ansaugen der flüssigen Nahrung muss aber in der Mundhöhle einen Unterdruck
erzeugt werden. Aus einem Reflex heraus verschließt der Säugling beim Saugen die
Spalte mit der Zunge und verschließt somit die Nase. Damit ist gleichzeitiges
Trinken und Atmen, eine spezielle Fähigkeit von Säuglingen, nicht mehr möglich.
Das Trinken muss laufend zum Luftholen unterbrochen werden. Flüssigkeit tritt in
die Nase über, weil der Nasenrachen nicht verschlossen ist und das Kind schluckt
viel Luft bei der Nahrungsaufnahme. Aufgrund des unvollständigen Lippenschlusses
bilden sich in den Mundwinkeln häufig Wundecken (Rhagaden), die permanent
gepflegt werden müssen.
Probleme mit dem Hören und Sprechen:
Eine
Lippen-Kiefer-Gaumenspalte wirkt sich auf vielfältige Weise auf das Hören und
Sprechen aus:
Es kann zu
funktionellen Störungen kommen:
Insuffizienz (Schwäche) des Gaumensegels
Funktionsstörungen der Zunge
Fixierung der Oberlippe
mimische Kompensationsbewegungen
Veränderung der Atemluftführung
Zu
akustischen Störungen:
pathologische Nasalität (durch die Nase sprechen),
Lautfehlbildungen
Abweichungen in der Stimmbildung
Auffälligkeiten in der Stimmqualität.
Zu
organischen Störungen:
Fehlentwicklungen des Oberkiefers und/oder Unterkiefers
Zahnfehlstellungen
Atmung
ist bei Nasenscheidewand verengt oder verformt.
Aufgrund
einer schlecht ausgebildeten Gaumenmuskulatur fehlt häufig eine gesunde
Belüftung des Innenohres. Das wiederum führt zu Entzündungen und
Flüssigkeitsansammlungen im Innenohr und damit zur Schwerhörigkeit. Hält diese
länger als drei Monate an und wird nicht behandelt, kommt es zu einer
Verzögerungen in der Sprachentwicklung. Abgesehen davon kommen je nach
Schweregrad mit zunehmendem Alter große psychische Belastungen hinzu. Das
beginnt bereits im Kindergarten und wird besonders schwierig für Betroffene und
die Familie in der Pubertät. Dazu kommen laufende Klinikaufenthalte und
Arztbesuche, die das normale Leben –auch für die gesamte Familie - immer wieder
unterbrechen. Aber gerade die Therapiemöglichkeiten der heutigen Zeit bieten
sehr gute Aussichten auf ein gesundes und normales Leben.
Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit vom Kinderarzt mit
Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen, Kieferorthopäden, Zahnärzten, HNO-Ärzten,
Sprachtherapeuten (Logopäden) und ggf. Psychologen und Psychotherapeuten
unbedingt notwendig. Und: Eine solche Therapie kann sich über viele Jahre
erstrecken.
Erste Hilfen
In den
ersten Lebenstagen hilft zunächst eine so genannte Gaumenplatte. Diese wird
individuell nach einem Abdruck angefertigt. Sie trennt den Atemweg (Nase) vom
Mund und ermöglicht ein weitgehend normales Trinken. Die korrekte Zungenlage und
-funktion sowie die Wachstumsrichtung des Gaumens werden dadurch gefördert.
Meist sind
mehrere Operationen notwendig, um die Spalte ganz zu schließen. Ein
Lippenverschluss wird in der Regel in den ersten sechs Lebensmonaten operativ
hergestellt. Eine Spalte im harten Gaumen wird etwa zwischen dem 12. und 18.
Monat geschlossen. Weitere Korrekturoperationen wie Lippenverlängerungen oder
OP’s am weichen Gaumen zur Verbesserung des Sprechens oder Essens sowie Nasen-
und Zahnkorrekturen können bis zum Erwachsenenalter notwendig sein. Doch
zunehmend wird heute schon nach dem dritten Lebensmonat eine kompletter
Verschluss aller Strukturen der Spalte durchgeführt. Dazu ist allerdings eine
individuelle Operationsplanung wichtig, um langfristig ein gutes Ergebnis zu
erzielen. Am Baseler HighTec-Forschungszentrum sind die Ärzte dazu übergegangen,
mit einer computergestützten Operationsplanung zu arbeiten.
Ziel der
aktuellen Forschung ist es, nicht nur die knöcherne Schädelstruktur exakt zu
planen, sondern auch die Verformung des darüber liegenden Weichgewebes am
Computer zu simulieren, um das spätere Aussehen des Patienten vorherzusagen. Für
diese Aufgabe benötigen die Wissenschaftler zusätzlich zu dem Schädelmodell auch
Informationen über das Weichgewebe. Neben den spezifischen Parametern des
Gewebes bedarf es auch eines sehr genauen dreidimensionalen Oberflächenmodells
des Gesichtes, das exakt zeigt, wie die knöcherne Struktur das Weichgewebe lokal
beeinflusst. Für die Weichgewebesimulation müssen Datensätze aus verschiedenen
Bildgebungsverfahren zusammengeführt werden. Dies sind u.a. die Knochenstruktur,
die eine Computertomographie liefert und die Gesichtsoberfläche, die entweder
durch ein 3D-Formerfassungsverfahren ermittelt wird oder mit Hilfe der
Holographie. Weitere sinnvolle Bildgebungsverfahren, die für die
Weichgewebesimulation genutzt werden können, sind die Magnetresonanz-Tomographie
(MRT) und die Sonographie (Ultraschall), die Informationen über die innere
Struktur des Weichgewebes liefern.
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