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Krankheiten der Schilddrüse

Chaos im Körper – Schilddrüsenerkrankungen

Schilddrüsenerkrankungen zählen zu den häufigsten Krankheiten: Nahezu jeder Dritte in Deutschland ist davon betroffen. Ist die kleine Drüse in ihrer Funktion gestört, kann sich das auf vielfältige Art äußern. Denn ohne sie läuft in unserem Körper fast gar nichts. Bei Überschuss oder Mangel an Schilddrüsenhormonen kann es daher zu einer ganzen Palette von Beschwerden kommen. Das Problem dabei ist: Sie lassen oft nicht gleich an die Schilddrüse als eigentlichen Verursacher denken.

Der Kropf ist die häufigste Schilddrüsenerkrankung

Der Kropf, medizinisch Struma genannt, ist die häufigste Schilddrüsenerkrankung. Früher war er insbesondere im Schwarzwald und den Alpen verbreitet, mittlerweile ist er eine übergreifende Volkskrankheit. Etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung hat eine vergrößerte Schilddrüse, Frauen weitaus häufiger als Männer. Hauptursache des Kropfes ist Jodmangel in der Nahrung. Die Schilddrüse braucht Jod, damit sie ausreichend Schilddrüsenhormone produzieren kann. Bei Jodmangel versucht die Drüse die notwendige Produktion durch Wachstum zu gewährleisten. Denn je mehr Drüsengewebe vorhanden ist, desto besser kann sie das spärliche Jod verwerten und umso mehr Hormone kann sie bilden. Aber auch eine Jodfehlverwertung oder erbliche Defekte können zu einem Kropf führen.

Plötzlich wird der Hemdkragen zu eng

Meist bereitet eine wachsende Schilddrüse zunächst keine Beschwerden. Denn die Vergrößerung schreitet in der Regel nur langsam voran. Zudem ist die Schilddrüse eine wahre Meisterin des Ausgleichs. Häufig schafft sie es, trotz Jodmangel den Hormonspiegel im Blut im Gleichgewicht zu halten. Die Regelkreise im Körper bleiben funktionsfähig und alles scheint in Ordnung. Erst wenn die Drüse eine gewisse Größe überschritten hat, macht sie sich bemerkbar: Ein Druck, ein Kloß im Hals wird spürbar. Hemdkragen oder Pullover werden durch die Schwellung plötzlich zu eng. Auch Atmung und Schlucken können durch den Kropf beeinträchtigt werden. Manchmal ist die vergrößerte Schilddrüse äußerlich sichtbar oder ertastbar. Ein Kropf kann aber auch nach innen wachsen und sich dadurch verstecken.

Wenn die Schilddrüse außer Kontrolle gerät

Ist die Ausgleichsfähigkeit der Schilddrüse erschöpft, kann aus der trügerischen Ruhe schnell ein Chaos entstehen. Zahlreiche Beschwerden und Krankheitsbilder können zum Vorschein kommen. Aus dem Kropf kann eine Unterfunktion entstehen. Dann werden nicht mehr genügend Schilddrüsenhormone produziert. Paradoxerweise kann aber auch das Gegenteil passieren: es bildet sich eine Überfunktion. Schilddrüsenvergrößerungen gehen oft mit knotigen Veränderungen einher, denn ein Kropf wächst selten gleichmäßig. In solchen Knoten können sich Gewebebezirke bilden, die sich verselbständigen. Sie reagieren nicht mehr auf die Signale der Hirnanhangdrüse. Unabhängig von den Bedürfnissen des Körpers produzieren sie überhöhte Mengen an Schilddrüsenhormonen. Der Mediziner nennt diese überaktiven Areale „heiße“ Knoten oder autonome Adenome. Bemerkbar machen sie sich durch die typischen Symptome einer Überfunktion. In so genannten "kalten“ Knoten, die ebenfalls entstehen können, werden hingegen nahezu keine Schilddrüsenhormone produziert. In einer krankhaft veränderten Schilddrüse können „heiße“ und „kalte“ Knoten durchaus gleichzeitig nebeneinander auftreten. In den meisten Fällen sind diese Knotenstrumen gutartig. Wird ihnen kein Einhalt geboten, können sie sich aber auch zu Schilddrüsenkrebs entwickeln. Ein Kropf kann zudem in Verbindung mit der Basedow’schen Krankheit (Überfunktion der Schilddrüse) einhergehen, seltener in Verbindung mit einer Schilddrüsenentzündung.

Das fleißige Lieschen: Symptome der Schilddrüsenüberfunktion

Die Überfunktion, auch Hyperthyreose genannt, ist die zweithäufigste Erkrankung der Schilddrüse. Wie häufig sie vorkommt, ist regional sehr unterschiedlich. In Deutschland sind immerhin bis zu sieben Prozent der Frauen zwischen 60 und 80 Jahren betroffen, Kinder seltener. Bei einer Überfunktion werden mehr Schilddrüsenhormone produziert als der Körper benötigt. Die Folge ist ein gesteigerter Stoffwechsel, der vielfältige und individuell unterschiedliche Folgen haben kann. Vor allem das Herz-Kreislaufsystem kann durch die Übersteuerung schnell an seine Grenzen geraten. Es gibt jedoch praktisch kein Symptom, das nur für die Überfunktion typisch ist, und bei anderen Erkrankungen nicht vorkommen kann. Die Leitsymptome einer Überfunktion sind:

-          allgemeine Unruhe, Nervosität, labile Gefühlslage, Schlafstörungen

-          schnellere Erschöpfung

-          Hitzewallungen und Erhöhung der Körpertemperatur

-          Herzklopfen, Pulsrasen oder unregelmäßiger Puls (bei älteren Menschen oft das einzige Symptom)

-          Gewichtsverlust trotz erhöhten Appetits

-          Muskelschwäche, Muskelschmerzen, Zittern der Hände

-          warme und feuchte Haut, Haarausfall sowie trockenes Haar und brüchige Nägel

-          häufiger und flüssiger Stuhlgang

-          Zyklusstörungen

-          bei Basedow auch Augenbeschwerden (Trockenheitsgefühl, Doppelbilder, Brennen)

Formen der Überfunktion: Morbus Basedow

Eine Schilddrüsenüberfunktion ist kein eigenständiges Leiden, sondern immer die Folge einer anderen Störung. Im Prinzip kann sie in Verbindung mit allen Erkrankungsformen der Schilddrüse  auftreten. Besonders häufig ist die Ursache aber ein „heißer“ Knoten oder eine ganz spezielle Schilddrüsenerkrankung: der Morbus Basedow. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem bildet fälschlicherweise Antikörper, die eine überschießende Produktion von Schilddrüsenhormonen verursachen. Die Folge sind die typischen Beschwerden einer Überfunktion. Die Ursache für die Basedow’sche Krankheit ist unbekannt. Meist findet sich jedoch eine familiäre Häufung dieser Erkrankung. Zudem sind Frauen öfter betroffen als Männer. Die Krankheit beginnt meist im dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Eine Besonderheit des Morbus Basedow ist, dass sich die Schilddrüse meist leicht und gleichmäßig vergrößert und nicht knotig wird. Dies wird als diffuse Struma bezeichnet. Daneben sind Veränderungen der Augen charakteristisch. Bei etwa jedem dritten Patienten kommt es zu lichtempfindlichen, tränenden Augen und dem Sehen von Doppelbildern. Die Augen können auch krankhaft nach vorne treten.

Faulpelz Schilddrüse: Die Unterfunktion

Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse, auch Hypothyreose genannt, arbeitet die Drüse nur noch auf Sparflamme. Sie gibt zu wenige oder gar keine Schilddrüsenhormone ins Blut ab - entweder, weil ihr das Spurenelement Jod fehlt oder weil sie nicht ausreichend funktionstüchtiges Gewebe zur Verfügung hat. Alle Stoffwechselvorgänge im Körper laufen daher verlangsamt ab oder geraten sogar völlig ins Stocken. Die Beschwerden zeigen sind meist entgegengesetzt zur Überfunktion. Typische Symptome sind:

-          gesteigerte Kälteempfindlichkeit

-          vermehrte Müdigkeit und verstärktes Schlafbedürfnis

-          verminderte Leistungsfähigkeit und Konzentrationsschwäche

-          Antriebsarmut und depressive Stimmungen

-          verringerter Appetit

-          Gewichtszunahme

-          Verminderte sexuelle Lust

-          Verstopfung

-          trockene, teigige und kühle Haut, dünneres Haar

-          heisere und tiefe Stimme

-          Zyklusstörungen

-          Herzvergrößerung und Verlangsamung des Herzschlags

Ursachen einer Unterfunktion

Auch eine Unterfunktion kann vielfältige Ursachen haben. Sie kann entweder angeboren sein oder während des Lebens erworben werden. Unterschieden wird zunächst, wo im Körper die Störung besteht. In etwa 95 Prozent aller Fälle ist die Schilddrüse direkt betroffen. Sie kann nicht mehr genügend Schilddrüsenhormone produzieren. Die Störung kann aber auch vom übergeordneten Regelzentrum der Hirnhangdrüse ausgehen. Zumeist sind dann Tumore im Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse die auslösenden Faktoren. Bei einer dritten, sehr seltenen Form liegt die Störung im Hypothalamus, einer übergeordneten Hirnregion. Die häufigste Ursache einer Unterfunktion im Erwachsenenalter ist die Zerstörung von ursprünglich funktionsfähigem Schilddrüsengewebe durch eine Entzündung (z.B. Hashimoto-Thyreoiditis), eine Radiojodtherapie oder fehlendes Gewebe nach einer Operation. Auch die zu lange und zu hohe Gabe von Medikamenten, die die Schilddrüsenfunktion hemmen, kann eine Unterfunktion auslösen. Eine weitere Ursache ist extremer Jodmangel, aus dem ein Kropf entstanden ist. Aber auch Neugeborene können schon betroffen sein. Pro Jahr kommen etwa 4000 Kinder mit einer Unterfunktion zur Welt. Meist steckt eine Entwicklungsstörung der Schilddrüse dahinter. Sie kann ganz fehlen, zu klein angelegt sein oder am falschen Ort liegen. Auch genetisch bedingte Störungen der Hormonproduktion sind möglich. Eine weitere Gefahr ist ein Jodmangel während der Schwangerschaft. Er kann die Entwicklung des Babys so stark beeinträchtigen, dass es sogar zu schweren körperlichen und geistigen Behinderungen kommen kann. Früher war dieser so genannte Kretinismus in Jodmangelgebieten wie den Alpenländern häufig anzutreffen. Durch routinemäßige Vorsorgeprogramme und Jodergänzung in der Schwangerschaft ist diese Form heutzutage aber selten geworden. Eine trotzdem aufgetretene Unterfunktion wird durch eine routinemäßige Laboruntersuchung am 5. Tag nach der Geburt erkannt und dann auch sofort behandelt.

Die häufigste Form der Unterfunktion: Hashimoto-Thyreoiditis

Bei Schilddrüsenentzündungen gibt es eine Form, die – ähnlich wie die Basedow’sche Krankheit – durch einen Autoimmunprozess entsteht: Die Hashimoto-Thyreoiditis. Durch einen Fehler im Immunsystem identifiziert der Körper die eigene Schilddrüse fälschlicherweise als Fremdkörper. Er richtet Antikörper gegen sie, die erst zu einer chronischen Entzündung und dann zur Zerstörung des Schilddrüsengewebes führen. Als Folge versiegt nach und nach die Hormonproduktion. Diese Form einer Schilddrüsenentzündung ist die häufigste Ursache einer Unterfunktion. Die Neigung dazu ist angeboren. Betroffen sind etwa ein Prozent der Bevölkerung, vor allem Frauen nach dem 40. Lebensjahr. Zunächst zeigen sich nur spärlich Symptome, denn die Entzündung hat einen schleichenden Verlauf. Die erkrankte Schilddrüse vergrößert sich meist schmerzlos, während ihre Funktion langsam erlahmt. Oftmals wird eine Hashimoto-Thyreoiditis daher erst erkannt, wenn die Zerstörung der Schilddrüsenzellen schon zu einer Unterfunktion geführt hat.

Stand 2009

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