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Volksleiden Bandscheibe – Bandscheibenvorfall

Bandscheibenerkrankungen sind ein Volksleiden. Fast jeder dritte Deutsche leidet daran oder hat schon einmal darunter gelitten. Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge stehen Schädigungen der Bandscheibe mit fast 30 Prozent sogar an zweiter Stelle der Berufserkrankungen und sind Ursache für nahezu 20 Prozent aller Anträge auf Frührente. Allein rund 60.000 Deutsche werden jährlich an der Bandscheibe operiert. Dabei gibt es nicht nur die teils unerträglichen Schmerzen zu beklagen, auch der volkswirtschaftliche Schaden ist beachtlich: er liegt bei über zehn Milliarden Euro jährlich – den Preis von Arbeitsausfall, Leistungsminderung und Folgeerkrankungen nicht eingerechnet.

Bandscheibenvorfall/ Prolaps – eine häufige Diagnose!

Viele Patienten erleiden einen so genannten Bandscheibenvorfall. Wenn der äußere Faserring der Bandscheibe spröde und rissig wird, kann es dazu kommen, dass der innere gallertartige Kern austritt (prolabiert) und so den Bandscheibenvorfall verursacht. Zwar kann es alle Wirbelregionen treffen, doch sind Bandscheibenvorfälle in der Lendenwirbelregion am häufigsten.

Was genau ist ein Bandscheibenvorfall?
Bei jeder Bewegung des Rückens gleiten Hunderte von Gelenkflächen der Wirbelkörper unserer Wirbelsäule aneinander. Die Bandscheiben, die sich zwischen diesen knöchernen Wirbeln befinden, federn wie Wasserkissen jeden Stoß ab. Beim Prolaps tritt ein Teil der gallertartigen Knorpelmasse der Bandscheibe, die als „Stoßdämpfer“ fungiert, seitlich oder nach hinten aus dem sie haltenden Faserring aus. Die Bandscheibe drückt auf die direkt an sie grenzenden Nerven oder das Rückenmark. Massive Schmerzen sind die Folge. Gefährlich wird es, wenn Sensibilitätsstörungen (Taubheit) und motorische Ausfälle (z.B. Nachschleppen des Fußes) auftreten, unter Umständen kann es sogar zu einer Lähmung kommen. Auch die Darm- oder Blasenentleerung kann beeinträchtigt werden. In diesen akuten Fällen muss ein Orthopäde oder Neurochirurg sofort den genauen Ort des Vorfalls feststellen und mit einer Operation bleibende Schäden verhindern.

Ursachen und Prophylaxe

Die hohen Zahlen der Bandscheibenerkrankungen erklären sich überwiegend aus dem natürlichen Alterungsprozess der Bandscheiben, deren Quellvermögen mit den Jahren nachlässt. Ausgelöst werden kann ein Bandscheibenvorfall aber vor allem durch eine ruckartige Drehbewegung des Rumpfes oder durch schweres Heben. Wer folgende Punkte beachtet, kann das Risiko eines Bandscheibenvorfalles erheblich vermindern:

Kräftigung der Rückenmuskulatur durch gezieltes Training:
Lasten nie mit nach vorne gebeugtem Rücken heben! Schwere Gegenstände sollen aus hockender Position mit durchgestrecktem Rücken gehoben werden.  Auf eine richtige Arbeitshaltung bei Tätigkeiten im Haushalt und Berufsleben achten, Arbeiten mit gebeugtem Rücken vermeiden (z.B. beim Bügeln, Staubsaugen, Autofahren eine aufrechte, entspannte Arbeitsposition einnehmen) . Bei überwiegend sitzender Tätigkeit ist es sinnvoll, in kürzeren Abständen aufzustehen und umherzulaufen. Zusätzlich sollte auf eine ergonomische Gestaltung der Sitzgelegenheiten mit Höhenverstellbarkeit geachtet werden.

Wie wird heute ein Bandscheibenvorfall behandelt?

Konservative Therapie
Die Zeiten, in denen Bandscheibenpatienten fast unausweichlich „unter´s Messer“ kamen, sind zum Glück vorbei. Vielfältige Behandlungsmethoden, die sich nach Umfang und Lage des Prolaps richten, ermöglichen es heute, differenziert und individuell auf die Beschwerden des Patienten einzugehen. In den meisten Fällen eines Bandscheibenvorfalls ist kein operativer Eingriff notwendig. Die anfangs massiven Schmerzen klingen unter einer konservativen Therapie - Ruhigstellung der Wirbelsäule, entzündungs- und schmerzhemmende Medikamente, später Krankengymnastik - nach einiger Zeit ab. Danach allerdings muss der Patient ein intensives Training der Rückenmuskulatur beginnen, um einen "Muskelpanzer" aufzubauen, der die Wirbelsäule stützt und so vor einem Rückfall schützt.

Operationsverfahren
Die Indikation zur Operation wird heute zurückhaltend gestellt, nicht zuletzt deshalb, weil immer eine Chance zur Spontanheilung besteht. Daher wird zuerst möglichst ein konservativer Heilungsversuch unternommen. Operationsbedürftig jedoch sind meist so genannte Massenprolapse (mehrere Vorfälle) in der Lendenwirbelsäule mit Störung der Schließmuskelfunktion an der Blase (es entsteht eine Inkontinenz) und Kompressionen (Stauchungen) des Halsmarkes. Auch seitliche Bandscheibenvorfälle mit schwerer motorischer Lähmung werden in der Regel operiert. Weitere Gründe für eine Operation können mangelnde Schmerzrückbildung nach mehrwöchiger konservativer Therapie und häufig wiederkehrende Vorfälle sein.

a) Klassische offene Chirurgie:
Dabei wird der herausgetretene Knorpel, der auf einen benachbarten Nerv drückt und die massiven Schmerzen verursacht, entfernt. Das konventionelle offene Operationsverfahren wird heutzutage nur noch bei schwierigen Bandscheibenvorfällen angewendet, die einen breiten Zugang/ Einblick in das Operationsgebiet erfordern. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Bandscheibenvorfälle über mehrere Etagen verteilt sind oder schon längere Zeit bestehen.

b) Minimalinvasive Verfahren:
„Schlüsselloch-Technik“/ Endoskopie (perkutane Nukleotomie) Offene Bandscheibenoperationen sind allgemein mit Risiken und einem längeren Krankenhausaufenthalt verbunden. Zudem hinterlassen Verfahren über einen Schnitt im Operationsgebiet Narben, die erneut ähnliche Beschwerden auslösen können und danach nur schwierig zu behandeln sind. Deshalb werden inzwischen immer mehr Operationen (unter Lokalanästhesie) mit einer so genannten "Schlüsselloch-Technik" durchgeführt. Die Wirbelsäule wird nicht mehr über einen Schnitt, sondern durch einen Stich erreicht. Durch einen Zugang von hinten seitlich durch die Haut werden Röhrchen bis zu einem Durchmesser von 7,5 Millimetern vorgeschoben und so das Bandscheibenmaterial entfernt. Zunächst wird eine dünne Nadel – die so genannte Spinalnadel – durch das Gewebe bis zum Bandscheibenvorfall geschoben. Eine winzige Kamera am Kopf des Endoskops macht dem Chirurgen die Bandscheibe auf einem Computermonitor sichtbar und die einzelnen Operationsschritte überprüfbar. Mit einer winzigen Zange ergreift der Chirurg die verrutschte Bandscheibe und entfernt sie. Ein solcher Einsatz dauert in der Regel 45 Minuten. Der Patient kann die Klinik meist noch am selben Tag verlassen.

Laserbehandlung der Bandscheibe
Auch eine Laserbehandlung kann helfen, einen Bandscheibenvorfall zu beheben. Dieses ambulante Verfahren ist für unkomplizierte frische Vorfälle geeignet und beruht ebenfalls auf dem Prinzip der Volumenreduktion der Bandscheibe. Hierbei wird ein Laser, der Licht im infraroten Bereich aussendet, gezielt auf das Gewebe innerhalb der Bandscheibe gerichtet. Dadurch schrumpft der Bandscheibengallertkern und der Bandscheibenring mit der vorstehenden Knorpelmasse. Der Druck, der auf dem gereizten Nerv lastet, verringert sich. Die Schmerzen verschwinden.

Epidurale Schmerztherapie/ Kathetertechnik                                                            
Mit der epiduralen Kathetertechnik (Behandlung über den Rückenmarkskanal) behandelt der Arzt gezielt die Nerven im Wirbelkanal. Unter örtlicher Betäubung wird ein elastischer Katheter in den Rückenmarkskanal eingeführt. Über diesen werden schmerz- und entzündungshemmende Medikamente sowie konzentrierte Kochsalzlösung injiziert, die den Reizzustand der entzündeten Nervenwurzel reduzieren und die Wurzel zum Abschwellen bringen soll. Der gesamte Eingriff dauert ca. 30-40 Minuten. In der Regel ist ein stationärer Aufenthalt von drei bis vier Tagen notwendig.

Frischzellenkur für die Bandscheibe: die autologe Bandscheibenknorpel-Zelltransplantation (ADCT)
Als wirksame Behandlung des Bandscheibenvorfalls, die nicht nur die Schmerzen lindert, sondern die Bandscheibe regelrecht heilt, gilt auch die autologe (körpereigene) Bandscheibenknorpel-Zelltransplantation (ADCT). Seit 2002 wird in einer europaweiten Studie diese Methode untersucht. Zwischenergebnisse zeigten gute Behandlungserfolge.

Worin besteht diese neue Methode?: Eine erster mikrochirurgischer Eingriff kann auch hier nicht verhindert werden. Neben der Entfernung des herausgetretenen Knorpels werden dem Patienten Knorpelzellen aus der Bandscheibe entnommen. Diese Bandscheibenzellen werden dann auf einer körpereigenen Nährlösung des Patienten in einem Speziallabor gezüchtet. Nach einigen Wochen wird die vermehrte Zellmasse mit Hilfe einer Spritze wieder in die Bandscheibe des Patienten zurückgeführt. Studien zufolge zeigt sich schon nach drei Monaten eine Regeneration von neuem Knorpelgewebe. Die geschädigte Bandscheibe soll so wieder auf ihr ursprüngliches Volumen aufgefüllt werden, da die Zellen wieder in ausreichender Zahl vorhanden sind und eine neue Kernstruktur bilden können. Bisherigen Versuchen zufolge ist es den Ärzten so gelungen, durch die anwachsenden Zellen die ursprüngliche Funktionalität der Bandscheibe wieder herstellen zu können. Der Vorteil des neuen Verfahrens gegenüber der herkömmlichen Bandscheiben-Operation ist unbestritten: Bislang wird ein Teil der Bandscheibe - der herausgetretene Knorpel – entfernt, mit der Folge, dass die Bandscheibe in vielen Fällen danach nicht mehr optimal gefüllt ist und zu schmal wird. Damit verliert sie ihre volle Funktionsfähigkeit als Stoßdämpfer und neue, teils chronische Beschwerden können entstehen. Oft werden Folgeoperationen notwendig. In der neuen Methode der autologen Bandscheibenknorpel-Zelltransplantation besteht die Hoffnung, zukünftig Bandscheibenerkrankungen heilen und nicht nur reparieren zu können. Bei bislang sehr positiven Ergebnissen, fehlen jedoch noch Langzeitbeobachtungen. Zur Zeit ist eine solche Behandlung keine Leistung der Krankenkassen.

Stand 2009
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