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Krebskiller Contergan?

Ein Horrormedikament und seine Folgen: Der Contergan-Skandal

Ab Oktober 1957 wurde der Wirkstoff Thalidomid unter dem Namen Contergan in Deutschland vertrieben. Das rezeptfreie Schlaf- und Beruhigungsmittel wurde zum Kassenschlager. Der Beipackzettel versprach Ruhe und erholsamen Schlaf ohne schädliche Nebenwirkungen. Contergan wurde allerdings nicht nur bei Schlaflosigkeit eingesetzt, sondern war auch als Mittel gegen die morgendliche Übelkeit in der Schwangerschaft sehr beliebt. In den darauffolgenden Jahren wurden in Deutschland ca. 5.000 Kinder mit Missbildungen geboren. Weltweit waren es ca. 10.000 Fälle. Trotz mehrfacher Meldungen über einen möglichen Zusammenhang zwischen Contergan und den Fehlbildungen bei Neugeborenen, zog der Hersteller das Medikament erst 1961 vom Markt zurück.

Der Wirkstoff Thalidomid - Fluch oder Segen

Der in dem Medikament Contergan enthaltene Wirkstoff Thalidomid besteht aus zwei Varianten des gleichen Moleküls. Die eine Variante wirkt als Schlafmittel, die andere hindert die Blutgefäße am Wachstum und führt so zu Missbildungen an Embryos. Contergan wurde in den 1950er Jahren als ein Gemisch aus beiden Varianten in den Handel gebracht. Die beiden Varianten und damit auch die Wirkungsweise zu trennen, erwies sich bei späteren Forschungen als nutzlos, da der Körper das entsprechende Gegenstück selbst nachbildet, wenn nur ein Variante des Thalidomids verabreicht wird.

Bei der Einnahme von Thalidomid in der frühen Schwangerschaft (ca. vierte bis sechste Woche) kann der Wirkstoff beim Embryo Fehlbildungen an der Wirbelsäule, den Gliedmaßen und an inneren Organen verursachen. Außerdem kann es zu fehlenden Ohrmuscheln kommen. Schon die Einnahme von einer Tablette mit dem Wirkstoff Thalidomid kann zu diesen Fehlbildung führen.

In den letzten Jahren wurde Thalidomid eine Vielzahl von Studien gewidmet und der Wirkstoff wurde zu einer der meistuntersuchten Substanzen überhaupt. Über die Wirkungsmechanismen gibt es viele Hypothesen. Gut erforscht ist inzwischen vor allem die antiangiogene Wirkung des Thalidomids. Das bedeutet, dass Thalidomid die Ausbildung von neuen Blutgefäßen hemmt. Dieser Effekt, der zu Missbildungen bei Neugeborenen führt, stört auch die Blutversorgung von Karzinomen. So können Krebsgeschwüre  „ausgehungert“ werden, sodass sie sich aufgrund des Nährstoffmangels zurückbilden. Außerdem hat Thalidomid eine entzündungshemmende und immunmodulatorische Eigenschaft: Es vermindert den körpereigenen Entzündungsprozess und greift als steuerndes Element in das Immunsystem ein.

Das Blatt wendet sich: Thalidomid als Lepra-Medikament

Der zweite Karriere des Thalidomids begann bereits kurz nach der Marktrücknahme durch den Hersteller Grünenthal. Mitte der 1960er Jahre verabreichte der israelische Arzt Jacob Sheskin einem Leprakranken einige Tabletten von einem Restbestand Contergan gegen die massive Schlaflosigkeit wegen starker Schmerzen. Dieser Patient konnte nicht nur gut schlafen, sondern seine entzündlichen Hauterscheinungen der Lepra besserten sich nach einigen Nächten mit Thalidomid deutlich. Bis heute wird Thalidomid bei dem sogenannten Erythema nodosum leprosum (ENL), einer entzündlichen Komplikation der Lepra eingesetzt.

Vom Schreckgespenst zum Hoffnungsträger - Thalidomid-Therapie bei dem Multiplen Myelom

Am vielversprechendsten scheint der Einsatz von Thalidomid gegenwärtig bei dem Multiplen Myelom, einem aggressiven Knochenmarkkrebs, an dem jedes Jahr ca. 3.500 Patienten erkranken. Bei dieser Myelom-Erkrankung kommt es zu einer Überproduktion von weißen Blutkörperchen, den Plasmazellen. Der entstandene Tumor frisst sich in den Knochen und die Patienten leiden unter Knochenbrüchen und anderen Knochenzerstörungen. Als Standardbehandlung gilt eine Chemotherapie, die den Krebs zurück drängen soll. Danach werden oftmals körpereigene Stammzellen transplantiert, um das Knochenmark des Patienten zu erneuern. Diese Therapie schlägt bei etwa siebzig bis achtzig Prozent der Patienten an.

Nach Ansicht vieler Ärzte und Wissenschaftler ist Thalidomid hier eines der wirksamsten Medikamente. Prof. Dr. Goldschmidt aus dem Universitätsklinikum Heidelberg konnte mit mehreren Studien die Wirksamkeit von Thalidomid belegen. Thalidomid wird bei einem therapierefraktärem Verlauf (auf bisherige Behandlung nicht ansprechend) oder bei Rezidiven des Myeloms (wiederholtes Ausbrechen des Krebs) angewendet. Mit einer Thalidomid-Behandlung kann eine Remission, d.h. ein Nachlassen der Krankheitssymptome, erreicht werden. Eine völlige Heilung ist durch Thalidomid nicht möglich. Als Nebenwirkungen dieser Therapie können Müdigkeit, Schwindel, Verstopfung, Hautausschläge und irreversible Nervenschädigungen (Periphere Neuropathie) auftreten.

Zwischen Zulassung und Sicherheit

Bis 2003 hat der damalige Hersteller Restbestände von Thalidomid kostenfrei an Ärzte für individuelle Heilversuche abgegeben. Seitdem muss es dafür aus dem Ausland importiert werden. Eine Zulassung des Wirkstoffes Thalidomid  für die Behandlung von Multiplen Myelom und Lepra besteht bereits in Australien, Neuseeland, in Israel und der Türkei.

Wegen der bekannten fruchtschädigenden Nebenwirkungen ist die Therapie mit Thalidomid mit der Teilnahme an einem Sicherheitsprogramm verbunden. Dazu gehören eine doppelte Empfängnisverhütung für weibliche Patienten im gebärfähigen Alter, regelmäßige Schwangerschaftstests und ärztlichen Untersuchungen. Männliche Patienten müssen Kondome verwenden, da Thalidomid auch im Sperma nachweisbar ist. Um  sicherzustellen, dass das Medikament nicht an andere Personen weiter gereicht wird, muss Thalidomid vom behandelnden Arzt direkt beim Hersteller angefordert werden.

Im Januar 2008 verabschiedete der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur einen positiven Beurteilungsbericht zur Anwendung von Thalidomid bei der Behandlung des Multiplen Myeloms; damit ist in den nächsten Monaten mit einer Zulassung durch die EU-Kommission zu rechnen.

Stand 2009

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