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Chronische Schmerzen

Deutschland - ein Entwicklungsland, wenn es um die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen geht! Acht Millionen Menschen in Deutschland sind Schätzungen zufolge stark davon betroffen. Fast eine Million von ihnen gelten bei Ärzten als "behandlungsresistent", das heißt: mit einfachen Schmerzmitteln ist ihnen nicht mehr zu helfen.

Um auch diesen Menschen umfassende Linderung zu verschaffen, bedarf es Spezialabteilungen, die sich ausschließlich mit Schmerztherapie beschäftigen. Allein die Tatsache, dass ein Schmerzpatient durchschnittlich acht bis zehn Jahre braucht, bis er "in die richtigen Hände kommt", zeigt, wie es um die Versorgung bestellt ist. Aber auch Fragen der bundeseinheitlichen Behandlungsstandards stehen in der Diskussion und in deren Mittelpunkt: der Einsatz von Opiaten. Deutschland steht im europäischen Vergleich als Schlusslicht da. Schätzungen zufolge werden nur rund 25 Prozent der Menschen, die mit mittelstarke bis starke Schmerzmittel benötigen auch damit versorgt. Für chronisch schmerzgeplagte Menschen sind die Folgen mitunter fatal: sie geraten in die soziale Isolation, werden möglicherweise arbeitslos, resignieren. Nicht selten endet ihr Weg im selbst gewählten Tod.

Vom Schmerzen - als lebenswichtiges Signal...

Der Schmerzen ist ein wichtiges Körpersignal für den Menschen. Er ist der Ausdruck dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist - unter Umständen sogar lebensbedrohlich. Darum gibt es über den ganzen Körper verteilt so genannte Schmerzrezeptoren. Sie nehmen Reize wahr und leiten diese über Nervenbahnen an das Rückenmark weiter. Von dort aus werden sie über Botenstoffe - sogenannte Neurotransmitter - an das Gehirn weitergeleitet: vom Stammhirn ins Mittelhirn zum Großhirn. Dort werden diese Information ausgewertet und der Mensch nimmt bewusst wahr, wo es ihm weh tut. Ist die Ursache des Schmerz ein äußerlicher Reiz (wie etwa ein Verletzung oder Druck auf den Körper) kann der Reiz beseitigt werden und der Schmerz lässt nach. Durchlaufen aber nun ständig Schmerzreize dieses System, kommt es nach geraumer Zeit zu Veränderungen in den beteiligten Nervenzellen: Sie reagieren wesentlich empfindlicher und verarbeiten selbst leichte Reize (Berührung) als "Schmerz". Das heißt: der Schmerz hat seine Signalfunktion verloren.

... zum Schmerz als Krankheit

Doch damit nicht genug. Da das Gehirn enorm "lernfähig" ist, speichert es diese unnormalen Schmerzsignale. Doch es reagiert von nun an nicht mehr nur auf äußere Reize, sondern sendet seinerseits Schmerzempfindungen aus. Das ursprüngliche Signal "Schmerz" ist zu einem chronischen Schmerz geworden und hat sich zu einer eigenständigen Krankheit entwickelt.

Ursachen für den chronischen Schmerz

Von chronischen Schmerzen wird gesprochen, wenn der eigentliche Schaden (Verletzung) oder das akute Ereignis (Unfall) "behoben" ist, die Intensität des Schmerzes aber bleibt und länger als sechs Monate anhält. Sehr häufig ist das nach Operationen, Amputationen, nach einer Infektion wie der Gürtelrose zu beobachten. Doch auch Wirbelsäulenerkrankungen und besonders fortgeschrittene Tumorerkrankungen führen zu chronischen Schmerzen. Soweit müsste es häufig nicht kommen, würde von vornherein eine ausreichende Schmerztherapie durchgeführt. Aus der Schmerzforschung ist bekannt, dass selbst in Narkose die Schmerzempfindungen an das Gehirn weitergeleitet werden. Darum sollten auch während und nach operativen Eingriffen Schmerzmittel in ausreichendem Maße verabreicht werden.

Internationale Standards in der Schmerztherapie

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf hat 1986 einen Stufenplan erarbeitet, der ursprünglich zur Behandlung von chronischen Tumorschmerzen gedacht war. Dieses Schema gilt inzwischen auch für die Behandlung chronischer Schmerzen anderer Ursachen. Das Behandlungskonzept ist in drei Stufen unterteilt und basiert darauf, das Schmerzmittel nach Schmerzidentität dosiert werden.

Stufe 1 umfasst den Einsatz von Nicht- Opioid- Analgetika, wie z.B Aspirin, Paracetamol oder ähnliches. Diese Medikamente wirken überwiegend am Ort der Schmerzentstehung. Der Überbegriff dieser Medikamente ist „NSAR“ und bedeutet: Nicht-Steroidale Antirheumatika.

Stufe 2 tritt ein, wenn mit Medikamenten aus Stufe 1 nicht mehr eine ausreichende Schmerzlinderung zu bewirken ist. Jetzt kommen schwach wirksame Opiate, wie z.B Tramadol und Tilidin zum Einsatz, die ggf. mit Medikamenten der Stufe 1 kombiniert werden können. Schwach- wirksamen Opioide wirken direkt auf das zentrale Nervensystem im Rückenmark und Gehirn.

Stufe 3 bedeutet den Einsatz stark wirksamer Schmerzmittel wie Morphine oder Opiate. Auch sie wirken auf das zentrale Nervensystem und unterbinden die Schmerzimpulse aus dem Gehirn.

Alle Behandlungsstufen werden häufig mit so genannten Co-Medikamenten kombiniert. So wirken Kortikosteroide (Kortison) zusätzlich entzündungshemmend, wenn die Schmerzen durch entzündliche Prozesse verursacht werden. Da Schmerzempfindungen stark mit seelischen Befindlichkeiten korrespondieren, gehören oft auch niedrig dosierte Antidepressiva zur umfassenden Schmerztherapie.

Moderne Schmerztherapie

Schmerztherapie umfasst nicht nur die Behandlung mit Medikamenten sondern auch deren Darreichungs- (Applikations-)formen. Diese Entscheidung sollten Arzt und Patient immer gemeinsam treffen. Jede Applikationsart birgt Vor- und Nachteile in sich. Wer zum Beispiel auf Opiate in Tabletten oder Tropfen mit Nebenwirkungen wie Übelkeit und Verstopfung reagiert, kann sie auch in Pflasterform über die Haut aufnehmen. Der Wirkstoff gelangt direkt ins Blut und wird zu seinem Wirkort weitergeleitet. Der Vorteil eines solchen Pflasters ist, dass die Wirkung bis zu drei Tagen anhält und vom Betroffenen selber gewechselt werden kann. Der Wirkstoff kann auch als so genannte getränkte Fetanylstäbchen verabreicht werden, wodurch er über die Mundschleimhaut aufgenommen werden kann. Auch die Implantation einer Schmerzpumpe kann Patienten enorm helfen. Die Pumpe arbeitet wie ein Schrittmacher. Sie wird unter die Haut gelegt und gibt in regelmäßigen Abständen das Medikament in die Körper ab. Zum Auffüllen muss der Patient allerdings jedes mal in eine Schmerzambulanz gehen.

Was gibt es Neues in der Schmerztherapie?

Botulinum-Toxin, eigentlich ein bakterielles Nervengift, wird als neuere Therapie bei spannungsbedingten Rücken-, Kopf,- und Nackenschmerzen eingesetzt. Der Einsatz von Botulinum-Toxin ist in anderen medizinischen Gebieten, z.B. bei Augenfehlstellungen (Schielen), Augenliedkrampf und Schiefhals, eine seit mehreren Jahren offizielle anerkannte Behandlungsmethode. Der Wirkstoff wird in kleinsten Mengen direkt in die verspannten Muskel gespritzt und unterbricht dort die Übertragung der Impulse von den Nervenfasern auf den Muskel. Somit erhält der Muskel keinen Befehl mehr sich zusammenzuziehen, der Schmerz lässt nach.

Schmerztherapie - ein umfassendes Konzept

Auch ergänzende Maßnahmen, sogenannten komplementären Behandlungsmethoden, sollten in der Schmerztherapie nie fehlen. Dazu zählen:

Akupunktur: Über feine Nadeln werden Nervenreize gesetzt, die zu Irritationen in der Schmerzweiterleitung führen mit dem Erfolg, dass es zu einer Veränderung der Schmerzwahrnehmung kommt. Die Behandlungkosten werden in den meisten Fällen von der Krankenkasse übernommen.

TENS: ist die Abkürzung für transkutane Elektro- Nerven –Stimulation. Elektrische Impulse über die Haut blockieren die Schmerzweiterleitung. Der Betroffene kann mit einem „tragbaren Stimulator“ die Intensität der Stromreize selbst regulieren.

Entspannungsübungen sind ein weiterer sehr wichtiger Bestandteil der Schmerztherapie. Denn es gilt den Teufelskreislauf von Schmerzehrfahrung, Anspannung und Angst vor neuen Schmerzen zu unterbrechen. Zu den anerkannten Methoden zählen z.B. Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Yoga, Reiki, Biofeedback und vieles mehr.

Recht auf Schmerztherapie

Jeder Schmerzpatient sollte wissen: Es gibt nicht nur genügend Therapiemöglichkeiten, sondern auch das Recht auf eine adäquate Schmerztherapie.

Stand 2009
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