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Migräne
„Bitte
entschuldige mich heute, ich habe Migräne!“ Dieser Satz wird oft nicht ernst
genommen, belächelt oder als Anstellerei abgewunken. Was Menschen, die noch nie
eine Migräne erlebt haben, häufig als faule Ausrede auffassen, ist für die
Betroffenen bitterer Ernst. Allein in Deutschland werden etwa
Millionen Menschen regelmäßig von höllischen Kopfschmerzen geplagt, die
bis zu 72 Stunden anhalten können. Frauen sind von dieser Qual drei mal häufiger
betroffen als Männer. Zudem sind ihre Migräneattacken meist länger und
intensiver.
Im privaten und sozialen Bereich ist die Migräne für jeden Einzelnen ein
Desaster. In ständiger Angst vor der nächsten Attacke die sie aus ihrem Alltag
reißt, können die Betroffenen ihre Termine nur unter Einschränkung planen und
begeben sich so oft unfreiwillig in soziale Isolation. Viele Angehörige
reagieren mit Unverständnis, da sie nicht verstehen können, wie das Befinden von
einem Moment auf den anderen zwischen ganz gesund und schwer krank wechseln
kann.
Was ist eine Migräne?
Das Wort "Migräne" leitet sich aus dem griechischem Wort "Hemikranie" ab und
bedeutet Halbseitenkopfschmerz, da sich der Migräneschmerz in zwei Dritteln der
Fälle auf eine Kopfhälfte konzentriert. Die betroffene Seite kann jedoch von
Attacke zu Attacke wechseln. Auch kann der Schmerz innerhalb einer Attacke auf
die andere Seite wandern. Ein Migräneanfall durchläuft verschiedene Stadien:
Im Vorfeld kommt es häufig zu einem Heißhunger auf Süßigkeiten oder fette
Nahrungsmittel. Darauf entwickelt sich bei etwa 15 Prozent der Patienten die
sogenannte Auraphase. Zu ihren Symptomen zählen
Sehstörungen wie zackenförmige Lichterscheinungen, Lichtblitze, visuelle
Vergrößerung oder Verkleinerung von Gegenständen, Störung der
Farbwahrnehmung - Sprach- und Gefühlsstörungen
Orientierungsprobleme
Schwindel
Kribbeln und/oder Schwäche und/oder Lähmungen in Arm oder Bein
Normalerweise klingen die Aura-Symptome wieder ab, kurz bevor die Kopfschmerzen
auftreten, sie können aber auch anhalten. Typisch für die Migräne ist die im
Vorstadium beginnende intensive Empfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm und
Gerüchen. Setzt der Kopfschmerz ein, wird er meist begleitet von vegetativen
Störungen wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen, Durchfall,
Schweißausbrüchen und zitternden Gliedern. Häufig beginnen die Schmerzen im
Genick und am Hinterkopf und erreichen ihren Höhepunkt im Bereich der Stirn,
Schläfe und Augenregion. Die Schmerzempfindung ist von Patient zu Patient
unterschiedlich in Stärke und Ausprägung, kann sich aber im schlimmsten Fall bis
zur Unerträglichkeit steigern. Die Betroffenen beschreiben diesen Schmerz mit
einer Eisenstange, die in den Kopf gestoßen wird.
Ursache
Bis heute sind noch nicht alle komplexen Zusammenhänge, die bei der Migräne eine
Rolle spielen, entschlüsselt. Fest steht, die Migräne ist eine biologische
Funktionsstörung des Gehirns und der schmerzempfindlichen Hirnhaut und
Gefäßwände. 2003 entdeckten Wissenschaftler ein Gen, das mit Migräne in
Verbindung steht (ATP1A2Gen im Chromosom
1). Die Mutation führt zu einer Fehlfunktion der Natrium-Kalium-Pumpe der Zelle,
dies führt zur Schmerzen und zur so genannten Aura. Zu
den auslösenden Faktoren, den sogenannten
Triggerfaktoren
zählen
Hormonschwankungen (während des Eisprungs, zu Beginn der Menstruation)
Lebensmittel (Alkohol, best. Käsesorten, Schokolade, Nüsse, best.
Südfrüchte)
Änderungen im Schlaf-wach-Rhythmus
Ausgelassene, unregelmäßige Mahlzeiten
Stress
Psychische Faktoren wie Ärger, Depression, Vorfreude
Wettereinflüsse als auslösende Faktoren werden oft genannt, sind aber nicht
wissenschaftlich belegt.
Wird ein
Migräniker mit einem oder mehreren Triggerfaktoren konfrontiert, wird der
Hypothalamus (Teil des Zwischenhirns, der für die wichtigsten
Regulationsvorgänge des Organismus zuständig ist) in besonderem Maße aktiviert.
Durch diese abnorme Aktivität werden erhöhte Schmerzimpulse an den
Versorgungsnerv gesandt, der für die Blutgefäße im Kopf zuständig ist. Diese
erhöhte Versorgung überlastet die Gefäße. Sie quellen auf (Ödeme) und entzünden
sich. In diesem Stadium kann nicht mehr genügend Blut durch die verengten Gefäße
fließen, was zu einer mangelhaften Durchblutung des Gehirns führt. Die ersten
Aurasymptome machen sich bemerkbar. Nach einiger Zeit ist die gesamte Gefäßwand
durch den ständigen Blutdruck erweicht und erweitert. Die Aura klingt ab. Aus
dem weichen Gewebe tritt eiweißhaltige Flüssigkeit, die die
Schmerzempfindlichkeit stark erhöht. Das erweiterte Gefäß ermöglicht dem Blut
wie durch eine geöffnete Schleuse zu fließen. Für den Betroffenen wird nun jeder
Pulsschlag gegen die Gefäßwand zur Qual. Bei einer Migräne ohne Aura zieht sich
das Gewebe am Anfang nicht so stark zusammen, so dass der Entzündungsprozess
langsamer voran geht.
Diagnose
Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung ist eine richtige Diagnose. Bei
Verdacht auf Migräne sollte ein Neurologen konsultiert werden. Die neurologische
Untersuchung gibt Aufschluss über mögliche Schädigungen des Nervensystems und
hilft, zwischen Kopfschmerz und Migräne zu differenzieren. Zu den Untersuchungen
gehört u.a. die Spiegelung des Augenhintergrundes, Sensibilitätstest der
Nervendruckpunkte, Untersuchung des Kiefergelenks, Beweglichkeit der HWS und
Prüfung der Reflexe, Motorik und Koordination. Hat die neurologische
Untersuchung keinen eindeutigen Befund ergeben, sind weitere Maßnahmen notwendig
wie z.B. Blutuntersuchung, Elektroencephalogramm (EEG), Sonographie der
Halsgefäße und/oder andere bildgebende Maßnahmen wie z.B. Computertomographie
(CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT).
Ein Schmerztagebuch erleichtert die weitere Kontrolle des Verlaufs der Migräne
und ihrer Therapie. Es enthält Angaben über Art, Schweregrad, Dauer und
Lokalisation des Kopfschmerzes sowie mögliche Auslöser wie Stress oder
Lebensmittel. Der Patient wird für die auslösenden Faktoren sensibilisiert
während dem Arzt die Wahl der richtigen Therapie erleichtert wird.
Medikamentöse Therapie
Es muss unterschieden werden zwischen einer symptomatischen Therapie zur
Linderung der akuten Schmerzen und einer prophylaktischen Therapie zur
Verminderung der Anfallshäufigkeit. Abzuraten ist von Selbstmedikation mit frei
verkäuflichen Medikamenten aus der Apotheke. Die deutsche Migräne- und
Kopfschmerzgesellschaft empfiehlt bei mittelschweren bis schweren Attacken eine
Behandlung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Hier stehen 3 Gruppen von
Medikamenten zur Verfügung:
Analgetika, bzw. nicht steroidale Antirheumatika (NSAR)
Triptane
Mutterkornalkaloide
Obwohl
Triptane bei akuten Migräneattacken die beste Wirksamkeit erbringen und auch
gegen die typischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen wirken,
sollte aufgrund ihrer Kontraindikation und ihrer Nebenwirkungen in der
Migränetherapie nicht mit ihnen begonnen werden, sondern mit einem (wirksamen,
gut verträglichen) Analgetikum oder NSAR. Erst wenn ein solches Medikament über
drei bis vier Attacken nicht wirksam war, sollte auf ein Triptan oder Ergotamin
(Mutterkornalkaloide) umgestiegen werden. Triptane wirken in jedem Stadium der
Attacke. Die Behandlung mit
Mutterkornalkaloiden
wie beispielsweise Ergotamin sollte sehr langen Migräne-Attacken oder solchen
mit immer wiederkehrenden Schmerzen vorbehalten bleiben. Zumeist werden
Mutterkornalkaloide in Zäpfchenform verordnet, da sie oral eingenommen
schlechter vom Körper aufgenommen werden. Die gehäufte Einnahme von Ergotamin
kann allerdings zu Dauerkopfschmerzen führen, die kaum von Migräne-Kopfschmerzen
zu unterscheiden sind
Alternative Behandlungsstrategien
Neben der medikamentösen Behandlung sollte eine
Verhaltenstherapie
durchgeführt werden. Hier haben sich die Techniken der progressiven
Muskelentspannung, kognitive Techniken, Stress- und Reizverarbeitungstraining
und Schmerzbewältigungstechniken bewährt. Das
Biofeedback, also
die „Rückmeldung biologischer Signale“ geschieht mittels Elektroden, die die
Signale des Körpers aufnehmen und entweder in visuelle oder in akustische Daten
übertragen. Indem der Patienten diese Daten aufnimmt, werden ihm mögliche
Fehlfunktionen vermittelt, die dann unter Anleitung eines geschulten Therapeuten
selbst reguliert werden können. Einige Tropfen Pfefferminzöl
auf Stirn und Schläfen aufgetragen können den Migräneschmerz zwar nicht stoppen,
als lindernde Wirkung ist es jedoch in Fachkreisen bekannt. Obwohl die
Effektivität von Akupunktur und Homöopathie bei Migräne nicht
wissenschaftlich erwiesen ist, zeigt sie bei einigen Betroffenen Wirkung. Auch
Injektionen mit Botulinum Toxin können bei Migräne helfen.
Prophylaxe
Neben Beta-Blockern und muskelentspannenden Medikamente gibt es auch ein
pflanzliches Präparat aus der Pestwurz. Der Wirkstoff der Pestwurz
wurde in einer deutsch-amerikanische Studie an 202 Patienten getestet. Bei über
zwei Dritteln der Anwender reduzierten sich die Anfälle um durchschnittlich die
Hälfte - ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Wissenschaftlich belegt ist die
prophylaktische Wirkung von Ausdauersportarten, die eine
gleichmäßige Belastung des Körpers bedeuten. Dazu zählen: Joggen, Walken,
Schwimmen und Radfahren.
Stand 2009
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