Zurück zur Themenübersicht

Sinn und Unsinn von Functional Food

Deutschland ist kein Mangelland – zumindest was die Ernährungsvielfalt betrifft. Andererseits hat sich in der westlichen Welt auch der Trend zur Fastfood Gesellschaft stark ausgebreitet. Stress im Beruf und Freizeit, aber auch Langeweile – besonders bei Kindern und Jugendlichen – führen dazu, dass die Ernährung entweder zu kurz kommt oder zur Ersatzbefriedigung wird. Die Folge: Einseitige und oft sehr fettreiche Ernährung mit sogenannten „leeren Kalorien“. Darum wurden Produkte entwickelt, die unter dem Begriff „Functional Food“ vermarktet werden, mit dem Hinweis, dass sie besonders der Gesundheit dienen. Da gibt es so genannte pro- oder präbiotische Joghurts, Milchprodukte, Brot, Eier und vieles mehr angereichert mit Omega-3-Fettsäuren, Säfte und Ceralien mit Vitaminen und einer Extraportion Calcium, bis hin zu herzgesunden Margarinen, deren Inhaltsstoffe – so genannte Phytosterine - den Cholesterinspiegel effektiv senken helfen sollen. Doch was ist ´dran an den werbeträchtigen Aussage – und wem dient Functional Food wirklich?

Functional Food, was ist das?

Hinter dem Begriff Functional Food (funktionelle Lebensmittel) gibt es in Deutschland keine eindeutige Definition. Ganz anders ist dies zum Beispiel in Japan. Auch dort boomt der Markt für Functional Food, aber dort gibt es klare Richtlinien, wann ein Lebensmittel diese Aufschrift tragen darf, es muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen und diese in Studien nachweisen:

Bei Functional Food Produkten handelt es sich immer um Lebensmittel, die über den natürlichen Nährstoffgehalt hinaus mit bestimmten Stoffen angereichert wurden. Im Gegensatz dazu stehen die Nahrungsergänzungsmittel, die in Form von Pillen, Pulver oder Dragees angeboten werden und den Namen Functional Food nicht führen dürfen. Inzwischen aber wird die Wirkung der Funktional Food- Lebensmittel in der Werbung häufig angepriesen, als seien sie „Arzneimittel“. Aussagen, welche gesundheitsfördernde Wirkung genau vorliegt, dürfen nur vage getroffen werden, es sei denn, sie sind wissenschaftlich belegt.

Pro- und Präbiotika: unterstützen sie wirklich die Darmflora?

Die Kühlregale sind voll mit Joghurts und Joghurtdrinks, die eine nachhaltig positive Wirkung auf die Darmflora und dadurch auf das Immunsystem haben sollen. Der Grund hierfür ist eine besonders hohe Zahl an bestimmten Bakterienkulturen: den Milchsäurebakterien. Diese Bakterien sind auch in normalen ‚Joghurts’ vorhanden, jedoch in viel geringerer Menge. Probiotische Joghurte enthalten darüber hinaus auch noch andere spezielle Bakterienkulturen. Was aber passiert im Darm? Die Darmflora besteht aus 400 bis 500 verschiedenen Bakterienarten. Teils gesunde, teils krankmachende. Was man heute wissenschaftlich belegen kann, ist die Wirkung von Milchsäurebakterien: Sie unterstützen die natürlichen Darmflora, indem sie schädliche Bakterien verdrängen, und die Konzentration giftiger Stoffe senken. Damit sind sie in der Lage, das Immunsystem anzuregen. Bevor aber die Bakterien den Darm erreichen, müssen sie den Magen passieren, dessen Säure einen Großteil der Bakterien sofort abtötet. Damit immer noch genügend den Darm erreichen, müssen entsprechend viele Bakterien in den Kulturen vorhanden sein. Sonst käme keine Wirkung zustande. Und noch etwas: Um die Wirkung aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, die Joghurts oder Drinks regelmäßig zu verzehren, denn die Bakterienstämme halten sich nicht dauerhaft im Darm – was zeigt, dass sie sich gegenüber der natürlichen Darmflora unterscheiden.

Sinn und Unsinn der Extraportion Vitamine

Ursprünglich wurden Lebensmittel mit Vitaminen angereichert, um Verluste bei der Verarbeitung auszugleichen. Ein Beispiel ist das hitzeempfindliche Vitamin C, welches den Lebensmitteln nach der Verarbeitung wieder zugesetzt wurde. Heutzutage sind Vitaminverluste dank schonender Verarbeitungsverfahren nur noch gering. Trotzdem werden vermehrt Vitamine zugesetzt, zum Beispiel in Säften und Getränken, aber auch in festen Lebensmitteln. Häufig handelt es sich dabei um eine Kombination aus den Vitaminen A bzw. Beta-Carotin, C und E, bekannt als ACE-Produkte.

Hinter dieser beliebten Konzeption steht die Beobachtung, dass diese Vitamine antioxidative Eigenschaften besitzen. Sie sollen schädlichen oxidativen Prozessen im Körper entgegenwirken, die durch so genannte freie Radikale ausgelöst werden. Freie Radikale kommen überall in unserem Organismus vor. Es sind angriffslustige, sauerstoffreiche Moleküle, die leicht Verbindungen mit anderen Stoffen eingehen und sie dadurch verändern. Sie können Zellmembranen und die Erbsubstanz schädigen und gelten als Mitbeteiligte an der Entstehung schwerer Erkrankungen wie Arteriosklerose, Rheuma, Krebs und bestimmten Augenerkrankungen (Grauer Star). Oxidative Prozesse stellen zudem eine Vorstufe für das Altern dar. Der Nutzen von mit Vitaminen angereicherten Säften, aber auch von Vitaminbrausetabletten, Pulvern und Ceralien wird allerdings angezweifelt. Denn erstens ist es heutzutage überhaupt kein Problem mehr, seinen Vitaminbedarf über die ‚normale’ Ernährung zu decken. Zweitens gilt es auch als sicher, dass die Vitamine erst im natürlichen Verbund ihre volle Wirkung entfalten. Vitamine, die im Zusammenhang mit Früchten, Nüssen und vielen anderen frischen Lebensmitteln verzehrt werden, entfalten eine viel intensivere Wirkung, als isolierte Vitamine.

Vorsicht ist besonders bei der beliebten Kombination der Vitamine A, C und E geboten. Hier wird schnell eine Überdosierung der empfohlenen Tagesmenge erreicht, vor allem auch in Verbindung mit Nahrungsergänzungsmitteln. Solche Überdosierungen sind keinesfalls so unproblematisch, wie viele glauben. Die Wirkung der Vitamine kann sich dadurch geradezu umkehren und beispielsweise das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen kann steigen. Vor allem Raucher sind von diesem Phänomen betroffen.

Gesunde Fette: Omega-3-Fettsäuren und Phytosterine

Fette sind wichtige Transportstoffe für den Körper, viele Vitamine und Mineralien, sind für den Körper nur verfügbar, wenn ausreichend Fette im Blut vorhanden sind.

Die positive Wirkung der Omega-3-Fettsäuren auf Herz und Kreislauf wurde entdeckt, als Studien zeigten, dass die Grönländer sehr viel seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden als Menschen in den westlichen Industrienationen. Und das, obwohl sie sich sehr fett und cholesterinreich ernähren. Dieser Effekt wurde auf die im fetten Seefisch reichlich enthaltenen Omega-3-Fettsäuren zurückgeführt. Als Omega-3-Fettsäuren wird eine bestimmte Sorte Fettsäuren bezeichnet - die sich namentlich aus der alten Nomenklatur der Fettsäuren ableitet, nach der diese „vom Ende her“ durchnummeriert wurden (Omega = Ende). Die Omega-3-Fettsäuren haben am dritten Kohlenstoffatom ihrer Struktur eine Doppelbindung, sowie weitere Doppelbindungen im Verlauf der Kette. Sie sind also mehrfach ungesättigt. Omega-3-Fettsäuren sind wichtige Bestandteile von Botenstoffen. Sie wirken entzündungshemmend, vermindern die Klebrigkeit der Blutplättchen und haben einen günstigen Einfluss auf die Funktion der Arterienwände. Dadurch werden diesen Fettsäuren folgende Wirkungen zugeschrieben, die wissenschaftlich belegt sind:

Das Risiko für Arteriosklerose und die koronare Herzerkrankung wird somit vermindert. Insbesondere Menschen mit hohem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird daher zu einem bevorzugten Verzehr dieser Fettsäuren geraten. Reichlich enthalten sind sie in fetten Kaltwasserfischen wie Lachs, Hering und Makrele. Sie sind aber auch in Pflanzenölen enthalten, zum Beispiel in Rapsöl, Walnußöl und Leinöl. Empfohlen wird eine tägliche Zufuhr von 1-1,5g alpha-Linolensäure oder 0,3-0,4 g DHA/ EPA. Diese Mengen werden jedoch meist nicht erreicht, da der Verzehr von Fisch in Deutschland nach wie vor relativ niedrig ist. Ernährungsberater empfehlen deshalb ein bis zwei Fischmahlzeiten pro Woche.

Sind angereicherte Nahrungsmittel sinnvoll?

Mit Omega-3-Fettsäuren angereicherte Produkte wie zum Beispiel Backwaren oder Eier sind hingegen unnötig. Ungesättigten Fettsäuren werden besser über die Nahrung aufgenommen. Denn Omega-3-fettsäurenreiche natürliche Lebensmittel enthalten zusätzlich ausreichend Vitamin E. Dies ist notwendig, um die Fettsäuren vor Oxidationsprozessen zu schützen. Werden die Fettsäuren isoliert, sind sie auf Grund ihres Aufbaues sehr empfindlich für Oxidationsprozesse, bei denen wiederum Radikale gebildet werden können.

Sekundäre Pflanzenstoffe als Cholesterinsenker

Durch die Zugabe sekundärer Pflanzenstoffe haben die Funktional-Food-Hersteller Produkte auf den Markt gebracht, die den Cholesterinspiegel senken und damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen sollen. Verantwortlich für diese Wirkung sind die so genannten Phytosterine. Dabei handelt es sich um pflanzliche Sterine (Bestandteile pflanzlicher Zellmembranen), die als Fettbegleitstoffe in Pflanzenfetten und –ölen vorkommen. Das Besondere an ihnen ist, dass sie in ihrer Struktur sehr dem menschlichen Cholesterin ähneln. Im Gegensatz dazu ist die Wirkung der Phytosterine jedoch überwiegend positiv: Wegen ihrer ähnlichen Struktur verringern die Phytosterine die Aufnahme des Nahrungscholesterins aus dem Darm und führen deshalb zu einer Senkung des Cholesteringehaltes im Blut. Wie genau es dazu kommt, ist noch nicht bekannt. Jedoch weiß man, dass der Gesamt- und LDL-Cholesterinspiegel gesenkt wird, während die Menge des „guten“ HDL-Cholesterins gleich bleibt. Margarinen oder Milchprodukte, die zusätzlich Phytosterine enthalten, sollen den Verbraucher daher vor zu hohen Cholesterinwerten schützen. Außerdem wird eine Senkung des Dickdarmkrebs-Risikos vermutet.

Fazit

Wer gesund ist und sich mit einer Mischkost aus frischen Lebensmitteln ernährt, benötigt keine Functional-Food-Produkte. Wer allerdings unter einem Mangel leidet, sei es durch chronische Erkrankungen, Infektionen oder nach strengen Diäten, der kann mit Hilfe von Functional Foodprodukten seine Gesundheit zumindest stabilisieren.

Stand 2009

Zurück zur Themenübersicht