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Selbstmedikation
Ob Husten,
Schnupfen oder Kopfschmerzen – immer häufiger greifen die Menschen erst einmal
auf rezeptfreie Medikamente zurück. Fast zwei Drittel aller Deutschen suchen bei
gesundheitlichen Problemen nicht den Arzt auf, sondern gehen gleich in die
Apotheke. Spitzenreiter sind Mittel gegen Erkältungskrankheiten, Schmerzmittel
Magentherapeutika und Beruhigungsmittel wie Johanniskraut. Aber „rezeptfrei“
bedeutet nicht „harmlos“. Fast alle Medikamente bergen nicht nur positive
Wirkungen sondern auch Risiken, die bei der Einnahme zu beachten sind.
Grenzen und Risiken der Selbstmedikation
Selbstmedikation ist nur dann sinnvoll, wenn sie mehr nutzt als schadet. Ein
erstes Risiko liegt in der „Selbstdiagnose“. Wer seine Symptome als
ungefährlicher einschätzt als sie in Wirklichkeit sind, nimmt unter Umständen
ein falsches Medikament in falscher Dosierung oder zu lange ein. Ein Problem
ist, dass sich dadurch die möglicherweise notwendige ärztliche Therapie
verzögert und die Heilung erschwert wird. Wer also erwägt, eine Selbstmedikation
durchzuführen, sollte folgende Regeln bei der Eigenbehandlung beachten:
Erst informieren, dann therapieren! Vor jeder Einnahme
eines freikäuflichen Medikaments sollte auf professionelle Beratung,
z.B. durch dem Apotheker, wert gelegt werden. Darüber hinaus ist es
sinnvoll, immer den Beipackzettel auf Neben- und
Wechselwirkungen hin genau zu lesen. Dies gilt insbesondere für:
Menschen, die regelmäßig Arzneimittel einnehmen müssen.
Viele Medikamente verstärken oder vermindern die Wirkung des schon
verordneten Präparats.
Schwangere:
Hier ist die Beratung besonders wichtig, weil manche Mittel dem ungeborenen
Kind schaden können.
Kinder
und ältere Menschen:
Sie reagieren bei vielen Medikamenten empfindlicher als ein Erwachsener in
den mittleren Jahren. Kaum ein Präparat wird auf diese Altergruppen vorher
klinisch erprobt!
Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Asthma, Allergien, Herz
– Kreislauferkrankungen u.v.m.:
Sie sollten unbedingt den Rat eines Apothekers einholen, denn so manche
rezeptfreien Medikamente sind für sie nicht geeignet. Es gilt sorgfältig zu
prüfen, ob es Gegenanzeigen - so genannte Kontraindikationen - gibt, die
gegen eine Anwendung sprechen.
Bei anhaltenden Beschwerden zum
Arzt!
Verringern sich die Beschwerden trotz Selbstbehandlung nicht oder werden sie
sogar schlimmer, sollte der Betroffene in jedem Fall den Arzt aufsuchen. Sonst
ist das Risiko zu groß, eine Krankheit zu verschleppen. Denn hinter zunächst
harmlos erscheinenden Symptomen können sich ernste Erkrankungen verbergen. Das
gilt für Beschwerden, die immer wiederkehren. Hier ist eine genaue Diagnose
durch den Arzt notwendig, damit gegebenenfalls verschreibungspflichtige
Medikamente zum Einsatz kommen.
Keine Langzeittherapie in Eigenregie!
Der Griff zum Arzneimittel darf nicht zur Gewohnheit werden. Denn auch
rezeptfreie Medikamente können ernsthafte Nebenwirkungen verursachen, wenn sie
über einen langen Zeitraum eingenommen werden. Bei einigen Wirkstoffen besteht
zudem ein Suchtpotential. Die empfohlene Dosierung sollte eingehalten und die
Kombination mit anderen Arzneimittel vermieden werden.
Keine Restbestände aus der Hausapotheke einnehmen!
In vielen Hausapotheken lagern noch Restbestände von verschreibungspflichtigen
Medikamenten. Eine Einnahme kann gefährlich sein! Zum Beispiel Antibiotika: Sie
sind aus gutem Grund nicht ohne ärztliche Verordnung erhältlich, denn sie können
resistente Erreger verursachen und eine effektive Behandlung wird schwierig .
Stiftung Warentest gibt Hilfe zur Selbsthilfe
Die Wahl des „richtigen“ Medikaments ist angesichts der Anzahl der frei
verkäuflichen Arzneimittel für ein und dieselbe Indikation nicht leicht. Oft
bestimmen Gewohnheiten und die Werbung das Kaufverhalten. Von einem solch
unreflektierten Griff zu einem bestimmten Produkt ist jedoch abzuraten. Denn
viele Präparate, die schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, wurden längst
durch wirkungsvollere oder verträglichere Arzneimittel ersetzt. „Stiftung
Warentest“ kam nach einer Untersuchung von 1.500 frei verkäuflichen Medikamenten
sogar zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent der analysierten Präparate nur „wenig
geeignet“ sind. Auch hier gilt: Um sich vor dem Kauf wirkungsloser oder etwa
schädlicher Medikamente zu schützen, sollte immer erst die Beratung stehen. Bei
der Wahl des geeigneten Medikaments ist auch die individuelle Befindlichkeit des
Käufers einzubeziehen: Magenprobleme und andere Unverträglichkeiten sollten
vorher abgeklärt sein oder Fragen zu bestimmten Wirkstoffen, die sich bislang
besonders bewährt haben. Solche Hinweise helfen dem Apotheker das „richtige“
Medikament für die Beschwerden finden. Eine Diagnose darf ein Apotheker
allerdings nicht stellen.
Was bei der Einnahme bestimmter Arzneimittelgruppen zu beachten ist:
Bei
Schmerzmitteln sollte man Präparaten mit nur einem
Wirkstoff (Monopräparate) den Vorzug vor Kombinationsmitteln geben, die zwei
oder sogar mehr Substanzen enthalten. Insbesondere von Schmerzmitteln, die
Koffein enthalten, ist abzuraten. Hier besteht die Gefahr, dass aufgrund des
psychischen Effekts des Koffeins das Medikament länger eingenommen wird als
nötig, wodurch unerwünschte Nebenwirkungen entstehen können.
Aber
auch die sogenannten "Monopräparate" sind nicht für den
Dauergebrauch auf eigene Faust geeignet. Denn: ein bestimmungsgemäßer
Gebrauch der Medikamente ist überaus wichtig. Werden Schmerzmittel zu häufig
eingenommen (unabhängig vom Wirkstoff), wächst das Risiko dass z.B.
Kopfschmerzpatienten einen medikamentenbedingten Kopfschmerz entwickeln.
Bei
langfristiger Einnahme der Substanz Paracetamol, besonders
in Kombination mit anderen schmerzlindernden Wirkstoffen, kann es zu einer
dauerhaften Nierenschädigung bis hin zum Nierenversagen kommen. Besonders
bei Kindern ist von der längerfristigen Gabe von Paracetamol abzuraten:
Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Einnahme im Kindesalter zu
Lebererkrankungen führen kann.
Acetylsalicylsäure
(ASS) gilt als Allroundpräparat, doch es führt zu einer erhöhten
Blutungsneigung und kann für Menschen mit Magen-Darmerkrankungen,
insbesondere bei Neigung zu Magengeschwüren, lebensbedrohlich sein.
Bei
Magentherapeutika ist zu beachten, dass einige Symptome wie
Sodbrennen zwar gut damit zu behandeln sind, zugleich aber auch die
Anzeichen auf schwerwiegendere Erkrankungen kaschieren werden können: z.B.
Entzündungen des Magens und der Speiseröhre, Magengeschwüre oder ein
Magenkarzinom (Krebs). Wird im letzten Fall zu lange selbst behandelt, kann
eine lebensrettende Therapie durch den Arzt zu spät einsetzen.
Selbst
harmlos erscheinende Medikamente wie Schnupfenmittel sind
nicht gänzlich ohne Nebenwirkungen. So gibt es Nasensprays, die bei langem
Gebrauch die Schleimhäute austrocknen und zu einer trockenen Nase mit
Borkenbildung führen. Sie können Konservierungsstoffe enthalten, die
wiederum einen Fließschnupfen erzeugen lönnen, worauf besonders Allergiker
achten sollten. Andere Nasensprays sollten laut Empfehlung der „Stiftung
Warentest“ wegen der Gefahr vor Abhängigkeit nur kurzfristig angewendet
werden.
Vorsicht auch mit schleimlösenden Medikamenten bei Husten:
Der Hustenreiz darf nicht vollständig unterdrückt werden, damit der gelöste
Schleim ausreichend abgehustet werden kann und sich die Bakterien nicht in
der Lunge einnisten.
Beruhigungsmittel wie Johanniskraut sind ebenfalls nicht
ohne Vorinformationen zu konsumieren. Besonders immungeschwächte Menschen
(HIV und Transplantierte Menschen) können lebensbedrohlich gefährdet werden,
weil der Leberstoffwechsel sich unter Johanniskraut verändert.
Selbstmedikation – aber wann?
Nicht alle gesundheitlichen Beschwerden sollten sofort mit Medikamenten
behandelt werden. Manchmal sind auch die guten alten Hausmitteln sehr
erfolgreich. Wer einen Schnupfen hat, dem helfen oft schon Dampfbäder und
Kochsalznasentropfen. Bei leichtem Fieber wirken auch Wadenwickel sehr gut und
Spannungskopfschmerzen lassen sich durch frische Luft und Entspannungsübungen
lindern.
„Handbuch Selbstmedikation“ der Stiftung Warentest
Die Einzelergebnisse einer Untersuchung von 2.000 frei verkäuflichen
Arzneimitteln durch Experten der Stiftung Warentest, "Handbuch
Selbstmedikation", ist im Oktober 2006 erschienen. Es bietet neben der Analyse
der Inhaltsstoffe und Aussagen zu Nebenwirkungen der getesteten Medikamente auch
Preisvergleichslisten für Präparate mit gleichen Wirkstoffen.
Stand 2009
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