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Pillen gegen die Sucht

Für viele Menschen ist der permanente Griff zur Zigarette, der regelmäßige Gang zum Kühlschrank oder der alltägliche Konsum von Alkohol zu einem Teil ihres Lebens geworden. Der Übergang von der Lust zur Sucht ist schleichend. War das Rauchen, die Schokolade oder das Bierchen am Abend anfangs noch ein „Genuss“mittel, wurde es mit steigendem Konsum zur Gewohnheit und endet dann, wenn das Verlangen den Willen besiegt, als „Sucht“mittel.

Aber ab wann ist der Konsum eine Sucht und was kennzeichnet sie?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert die Sucht durch folgende Symptome:

Entgegen der weitläufigen Meinung, ist die Entwicklung einer Abhängigkeit nicht nur eine Sache von Willensschwäche oder des Charakters. Neueste Erkenntnisse zeigen, dass der Absturz in die Sucht auch ein Stück weit Schicksal ist, denn die Veranlagung zur Sucht kann vererbt werden. Insbesondere scheint die Anfälligkeit zum Alkoholismus auch von den Genen bestimmt zu sein.

Wie entsteht eine Sucht?

Eine von der Natur gegebene Überlebensstrategie ist verantwortlich für das „immer wieder tun wollen“. Alle Lebewesen, ob Mensch oder Tier, werden durch positive Gefühle belohnt, wenn sie lebensnotwendige Dinge tun, wie. z.B. Nahrungsaufnahme oder Fortpflanzung und bekommen so einen Anreiz zur Wiederholung. Die Einnahme von Suchtmitteln löst den ähnlichen Impuls aus. Der Mensch wird mit einer erhöhten Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin belohnt. Dieser plötzliche Schub erzeugt einen Rausch der, je nach Art des Mittels, für die folgende Euphorie, wohltuende Gefühle oder stärkeren Empfindungen verantwortlich ist.

Sucht bedeutet nicht Suchen - sondern Siechen (krank sein)

Der Weg in die Abhängigkeit ist nun ein ganz normaler Lernprozess: die Nervenzellen speichern die Assoziation zwischen dem Suchtmittel und dem anschließenden Wohlgefühl. Da die Nervenzellen aber sehr flexibel sind, passen sie sich der ständigen Überdosis Dopamin an. Gleichzeitig versucht das Gehirn, den Überschuss auszugleichen indem es die Rezeptoren, an denen die Reize eintreffen, reduziert. Durch diesen Abstumpfungsprozess behält das Gehirn seine normalen Funktionen, trotz der zugeführten Substanzen. Die Folge ist, das die Menge des Suchtmittels ständig gesteigert werden muss, um das anfängliche Glücksgefühl zu erreichen.

Therapie

Da die Entstehung einer Sucht sowohl auf eine Erkrankung des Gehirns hindeuten kann, als auch auf sozialen und seelischen Ursachen beruhen kann, müssen bei jeder Therapie organische und psychologische Ansätze berücksichtigt werden.

Pillen gegen die Sucht?

Seit einigen Jahren sind für die verschiedensten Suchtformen verschreibungspflichtige, aber auch frei verkäufliche Medikamente auf dem Markt, die, so die Werbung „außerordentliche Entzugserfolge“ versprechen. Die Wirkweise dieser Medikamente beruht auf ganz unterschiedlichen Ansatzpunkten: Die einen substituieren den Suchtstoff (z.B. Nikotin) und führen auf dem Umweg zu der "Befriedigung" des Bedürfnisses, welches sonst bei dem Konsum z.B. einer Zigarette entstand. Andere Medikamente, wie beispielsweise die sogenannten Anti-Craving-Substanzen bei Alkoholismus, wirken dem unwiderstehlichen Verlangen, jetzt Alkohol zu trinken, entgegen, indem sie auf den Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn einwirken.

So langsam und schleichend sich die Abhängigkeit aufbaut, so langwierig und schwierig ist es, den Körper vom Suchtmittel zu entwöhnen. Der Wunsch, einfach mal ein paar Tabletten zu nehmen und dann clean zu sein, lässt sich leider nicht erfüllen. Als oberstes Gebot steht der ernsthafte Wille zum Entzug und die damit verbundenen körperlichen und seelischen Therapieverfahren. Medikamente können allenfalls wie folgt als Hilfestellung dienen:

Nikotinsucht: Bekannte "OTC"- also freikäufliche Mittel wie Nikotinpflaster und -kaugummis helfen, den Körper langsam zu entwöhnen. Sie mildern die Entzugssymptome und können vom Einzelnen nach Bedarf dosiert werden. Auch Nikotinentzug sollte immer von einem Arzt begleitet werden, damit mögliche Entzugserscheinungen oder Nebenwirkungen (Herzklopfen, Schweißausbruch etc.), nicht zu körperlichen Langzeitschäden führen.

Das seit 2000 auf dem Markt befindliche, verschreibungspflichtige Medikament Zyban wirkt auf den Hirnstoffwechsel. Das Verlangen nach Nikotin wird gemildert, in manchen Fällen verschwindet es sogar vollständig. Auch die Entzugserscheinungen wie Gereiztheit und Konzentrationsstörungen sind deutlich geringer. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass sich die sonst übliche Gewichtszunahme von drei bis vier (oder gar zehn) Kilo erheblich geringer ausfällt: im Schnitt liegt sie bei 1 ½ Kilo. In eine Studie mit 900 Rauchern bei denen Zyban, Ohr-Akupunktur, Nikotinpflaster- und kaugummis gestestet wurden, schnitt Zyban mit einer Erfolgsquote von 30 Prozent mit Abstand am besten ab. Übertroffen wurde das Ergebnis (36 Prozent) nur durch die Kombination mit einem Nikotinpflaster.

Zyban ist kein Wundermittel!

Es bedarf vor Verordnung und Einnahme des Medikaments einer umfangreichen ärztlichen Untersuchung. Menschen mit Neigung zu Hirnkrampfanfällen dürfen das Mittel nicht einnehmen. Aufgrund der Nebenwirkungen wie Schlaf- und Sehstörungen, Erregungszustände und Depressionen sollte das Medikament nur nach Ausschluss der Risikofaktoren und unter Beobachtung eines Arztes eingenommen werden. Tatsache ist: Hat der Raucher nicht den ernsthaften Willen aufzuhören, funktioniert die Rauchentwöhnung allein durch die Tablette nicht.

Alkoholsucht

Auch bei der Alkoholsucht führt die Einnahme von Medikamenten allein nicht zur Abstinenz und kann auch Rückfälle nicht verhindern. Die grundsätzlich verschreibungspflichtigen Tabletten können nur als Therapiehilfe gesehen werden und eignen sich keinesfalls zur Selbstmedikation. Unterschieden wird hier zwischen

Studien, die sich mit diesen Medikamenten befassten, zeigten allesamt positive Ergebnisse. Die Abstinenzrate nach einem Jahr stieg mit der Einnahme von Medikamenten von 25 auf 50 Prozent. Es wurden keine bedenklichen Nebenwirkungen und keine Verschiebung der Sucht auf diese Medikamente festgestellt.

Esssucht

Typisch für Menschen die unter Esssucht leiden, ist der Versuch Diät zu halten, indem sie sich über weite Teile des Tages mit ihrem Essen zurückhalten. Gegen Abend verfallen sie dann Essanfällen, bei denen völlig unkontrolliert größte Mengen von Kalorien zu sich genommen werden. Über die Monate und Jahre hinweg kann dies zu extremen Gewichtszunahmen bis zu einem Bodymaßindex von über 40 führen. In Drogerien, Reformhäusern und Apotheken täuschen eine Vielzahl von Appetitzüglern diesen Menschen die Lösung ihres Problems vor. Das fragwürdige Angebot reicht von Gewichtsverlust durch Entwässern, Präparaten mit Ballaststoffen, Produkten, die den Stoffwechsel ankurbeln bis hin zu Kapseln, die den Magen zustopfen, indem sie wie ein Schwamm aufgehen. Bei Untersuchungen stellte sich der erhoffte Erfolg selten ein.

Zu den verschreibungspflichtigen Hilfen zur Gewichtsreduktion gehören die Medikamente Xenical und Reduktil. Xenical verhindert, dass die Nahrungsfette in freie Fettsäuren umgewandelt werden. Der Darm nimmt nur noch etwa 70 Prozent der aufgenommenen Fette auf. Die restlichen 30 Prozent werden unverdaut ausgeschieden. Die Folge ist ein öliger, oft unangenehm riechender Stuhlgang, der auch manchmal unangekündigt seinen Lauf nimmt. Im Gegensatz zu Xenical wirkt Reduktil auf den Gehirnstoffwechsel indem es dem Patienten suggeriert, satt zu sein. Aber auch hier sind nicht unerhebliche Nebenwirkungen (Herz-Kreiskauf) in Kauf zu nehmen und die Einnahme bedarf der ständigen ärztlichen Kontrolle. Für beide Medikamente gilt ebenfalls, dass sie allein nicht zur Gewichtsreduktion beitragen. Wird nicht parallel zur Einnahme der Mittel eine Ernährungsumstellung vollzogen, körperliche Bewegung angestrebt und ggf. psychotherapeutische Hilfe gesucht, alles in allem also eine langfristige Änderung der Lebensumstände vollzogen, erreichen die Patienten nach Absetzen der Tabletten schnell wieder ihr altes oder sogar ein noch höheres Gewicht.

Fazit

Die Hoffnung auf ein suchtfreies Leben mit Hilfe von Pillen entspricht nicht der Realität. Doch wer sich aus den Zwängen der Abhängigkeit befreien will, kann darin eine von vielen guten Unterstützungen finden.

Stand 2009
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