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Tinnitus - Sehnsucht nach Stille
Ohrgeräusche können bei jedem spontan und für kurze Zeit auftreten. Rund zehn
Millionen Menschen haben es schon einmal erlebt: Von einem Moment auf den
anderen hören sie ein Pfeifen, Rauschen oder Zischen im Ohr, Mediziner nennen
das Tinnitus. Tinnitus (lat. tinnere: klingeln) bedeutet die Wahrnehmung von
Geräuschen im Ohr, ohne dass eine Geräuschquelle außerhalb des Körpers vorhanden
ist.
Der Tinnitusverlauf wird in drei Stufen unterteilt:
der
akute Tinnitus, der in der Regel nur kurz anhält
der
subakute Tinnitus, der bis zu drei Monaten anhalten kann
der
chronische Tinnitus, der länger als drei Monate andauert
Woher kommt der Ton im Ohr?
Die häufigste Ursache (bis zu 30 Prozent) ist eine Schädigung durch Lärm oder
Knall, wie explodierende Feuerwerkskörper. Auch Lärm am Arbeitsplatz,
beispielsweise von einem Presslufthammer oder lauten Maschinen verursacht,
können Tinnitus auslösen. Mittlerweile sind zunehmend Jugendliche von
Lärmbelastungen durch laute Musik in Diskotheken oder über Köpfhörer betroffen.
Mehr als fünf Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis zum 30.
Lebensjahr klagen über die Symptome eines Tinnitus. Neben dem Lärmtrauma ist
Stress ein weiterer Auslöser für Tinnitus. Stressreize verursachen im Organismus
u.a. die vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, welches die
Blutgefäße verengt und zu Gefäßverschlüssen im Innenohr führt. Es kommt zum
Hörverlust und auch zum Tinnitus.
Vermutet wird, dass Tinnitus auf Grund von Durchblutungsstörungen der kleinsten
Innenohrgefäße (Mikrozirkulationsstörung) ausgelöst wird, die eine
Funktionsstörung der feinen Sinneszellen (Haarzellen) auslösen. Weitere Ursachen
sind organische Erkrankungen wie Mittelohrentzündungen oder Verletzungen des
Trommelfells. Aber auch Stoffwechselerkrankungen (z. B. ein hoher
Cholesterinspiegel), Bluthochdruck und Multiples Sklerose verursachen
Ohrgeräusche. Ebenso können Veränderungen am Kiefergelenk oder an der
Wirbelsäule einen Tinnitus provozieren.
Wenn plötzlich Ohrgeräusche auftreten - akuter Tinnitus
Hört der Betroffene Ohrgeräusche, sollte er erst mal zur Ruhe kommen und sich
richtig ausschlafen. Verschwinden die Geräusche durch Ruhe nicht, sollte
umgehend ein HNO-Arzt aufgesucht werden. Denn durch eine frühzeitige Diagnose
und Therapie kann der akute Tinnitus meist geheilt werden.
Diagnoseverfahren bei Tinnitus
Zunächst nimmt der Arzt eine gründliche Anamnese vor. Er fragt nach der
beruflichen Situation (z. B. nach Lärm am Arbeitsplatz), nach Unfällen mit
Kopfverletzungen, Ohrerkrankungen, neurochirurgischen Operationen. Mit Hilfe der
Ohrspiegelung, die sich aus einem Ohrtrichter, einer Lichtquelle und einem
Ohrspiegel zusammensetzt, oder eines speziellen Mikroskops für den Gehörgang
kann der Arzt Entzündungen und Rötungen im Gehörgang, Veränderungen,
Verletzungen und Verdickungen des Trommelfells feststellen. Ergeben die Tests
keine eindeutigen Hinweise auf die Ursache des Tinnitus, untersucht der Arzt das
Kiefergelenk und die Halswirbelsäule. Dies geschieht u. a. mit Hilfe von
Röntgenuntersuchungen.
Blutuntersuchungen geben Aufschluss, ob Entzündungen im Körper vorliegen.
Außerdem werden infektiöse werden Ursachen wie Herpes Simplex, Masern, Mumps
oder eine Syphilis ausgeschlossen. Auch werden die Salze im Blut, Elektrolyte
genannt, untersucht. Sie können eine Störung des Natrium-Kalium-Haushalts
aufweisen, der eine wichtige Voraussetzung für die Bildung von
Innenohrflüssigkeit ist.
Ist das
Trommelfell unauffällig, wird mit Hilfe spezieller Hörtests herausgefunden, ob
Erkrankungen im Mittelohr oder im Innenohr vorliegen. Sprechen die Hörtests für
eine Mittelohrkrankheit, kommt die Otosklerose (Verkalkung der Gehörknöchelchen)
als Ursache für den Tinnitus in Frage. Weisen die Hörtests auf eine
Innenohrschädigung hin, unterscheidet der Arzt, ob eine Schwerhörigkeit für hohe
oder tiefe Töne vorliegt. Bei der Innenohrschädigung durch Hörsturz oder ein
akustisches Trauma hört der Patient spezielle hohe Töne nicht mehr gut. Eine
Bass-Schwerhörigkeit spricht dann eher für die Menièresche Krankheit.
Therapie bei akutem Tinnitus
Sind organische Ursachen für das Ohrensausen ausgeschlossen, wird zunächst
mit durchblutungsfördernden Medikamenten oder Infusionen behandelt. Auch
Kortison in Form von Infusionen kann eventuellen Entzündungen entgegenwirken.
Wenn die Töne bleiben - chronischer Tinnitus
Etwa drei Millionen Deutsche sind von einem chronischen Tinnitus betroffen.
Das heißt aber noch nicht, dass der Patient deswegen krank ist. 1,5 Millionen
haben sich mit ihrem ständigen Begleiter arrangiert und können gut mit ihm
leben. Doch 1,5 Millionen Betroffene leiden. Konzentrationsstörungen,
Einschlafstörungen, Überempfindlichkeit bei lauten Geräuschen, Depression bis
zum Verlust des Selbstvertrauens machen den Patienten zu schaffen. Beim
chronischen Tinnitus scheint es sich um eine Art Wahrnehmungsstörung bzw.
Überinterpretation im Gehirn zu handeln. Denn das Gehirn erhält in jeder Sekunde
viele Eindrücke von den Sinnesorganen. Diese Eindrücke kann das Gehirn gar nicht
alle verarbeiten. Sie werden gefiltert. Das Gehirn unterscheidet automatisch
zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen. So hören wir beispielsweise das
Ticken der Uhr im Hintergrund irgendwann nicht mehr. Alle Reize werden beim
ersten Mal bewusst wahrgenommen und dann eingeordnet. Diese bewusste Wahrnehmung
kann auch wieder aktivieren werden. So etwas passiert beim Tinnitus. Wenn er
erstmalig auftritt, hört der Betroffene das Geräusch und kann es sich zunächst
nicht erklären, weil andere es nicht hören. Der Betroffene leidet unter
Anspannung, ständig hört er nach, ob das Geräusch noch da ist. Das verstärkt die
Aufmerksamkeit auf den Tinnitus.
Zu einem Zeitpunkt hat schon eine Verselbständigung des Tinnitus und eine
Überbewertung der individuellen Wahrnehmung stattgefunden. Es gelingt dem Gehirn
nicht mehr, den Tinnitus auszublenden, wie es das bei anderen
Hintergrundgeräuschen tut. Der Tinnitus findet zentral statt, im Limbischen
System, dem Sitz des Gefühlslebens, und im zentralen Nervensystem. Der
chronische Tinnitus ist daher eine Fehlverarbeitung von Geräuschen.
Therapie bei chronischem Tinnitus
Die Behandlung des subakuten und chronischen Tinnitus ist schwierig, weil der
Arzt nicht davon ausgeht, dass es sich um eine Durchblutungsstörung des
Innenohrs handelt. Es wird daher vermutet, dass die Signalverarbeitung und –filterung
im Gehirn gestört ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass Tinnitus als besonders
störend empfunden wird, wenn der Patient gestresst und angespannt ist.
Oberstes Therapieziel ist es, dem Tinnitus so wenig Aufmerksamkeit wie
möglich zu schenken. Dafür ist viel Zeit und Geduld erforderlich. Der Patient
selbst muss aktiv werden, um den Tinnitus zu tolerieren. Und, für jeden
Betroffenen muss eine individuelle Hilfe gefunden werden. An erster Stelle steht
die Vermeidung von Lärm und vor allem Stress. Entspannungsverfahren wie
autogenes Training können dabei hilfreich sein.
Wichtig ist, dass der Patient sich nicht zurückzieht. Der Tinnitus sollte nicht
der Mittelpunkt in seinem Leben sein, die Aufmerksamkeit muss wieder auf andere
Dinge gelenkt werden. Dazu gehört z.B. die
Tinnitus-Retraining-Therapie,
bei der Ärzte, Psychologen und Hörgeräteakustiker zusammenarbeiten mit dem Ziel,
dass der Patient lernt, den Tinnitus gedanklich auszublenden. Die Therapeuten
gehen davon aus, dass das Gehirn wieder lernen kann, den Tinnitus weniger
intensiv wahrzunehmen.
AET - Ablenkung und Entspannung - Therapie mit Hilfe eines
Computerprogramms
Neu ist die folgende Methode – auch AET genannt. Sie basiert auf einer
Kombination aus Ablenkung und Entspannungstechniken, die vom permanenten Ton im
Ohr ablenken soll. Der Patient lernt mit Hilfe eines computergestützten
Lernprogramm die Aufmerksamkeit vom Ohr weg auf den Gesichts- und Hautsinn zu
lenken. Das Programm beginnt mit Anleitungen zur progressiven Muskelentspannung
und wechselt anschließend zur eigentlichen Ablenkungstherapie über: In der
ganzen Zeit hält der Patient die Augen geschlossen, zugleich wird er von Licht-
und Wärmelampen angestrahlt. Über Kopfhörer bekommt er z.B. Anweisungen sich
eine angenehme Szene vorzustellen, zum Beispiel wie er in einem Liegestuhl in
der Sonne liegt. Die Intensität von Helligkeit und Wärme wechselt ständig und
wird vom Computerprogramm gesteuert. Jede Veränderung nimmt der Patient in
seiner Entspannung sehr deutlich war und lernt, sich nur noch darauf zu
konzentrieren. Das Geräusch tritt in den Hintergrund. Die Behandlung wird
ambulant durchgeführt und Untersuchungen zufolge ist dieses Programm sehr
erfolgreich, auch in seiner Langzeitwirkung.
Stand 2009
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